Berlin : Mit dem Klassenbuch zum Sternmarsch

Tausende Schüler zogen vor das Rote Rathaus / Schulsenatorin: "Unterrichtsausfälle nicht so gravierend" BERLIN. (CS/nl)"Was wir hassen, große Klassen", "Zukunft braucht Bildung, nicht Beton": Mit Sprechchören und Transparenten zogen gestern Tausende Schüler bei einem Sternmarsch "gegen den Kürzungswahn im Bildungsbereich" vor das Rote Rathaus.Nach Schätzungen der Polizei nahmen rund 8500 junge Leute an den weitgehend friedlich verlaufenen Umzügen und der Abschlußkundgebung teil, die Landesschülervertretung sprach von 21 000 Demonstranten.Ihr Protest richtete sich gegen zu große Klassen, Stundenausfall, eingeschränkte Lehrmittelfreiheit und längere Arbeitszeiten von Lehrern. Unterstützt wurde der Sternmarsch auch von der Gewerkschaft "Erziehung und Wissenschaft" (GEW) und dem Landeselternausschuß.Kinder und junge Leute bestimmten allerdings das Bild.Innerhalb von zwölf Monaten gingen sie gestern bereits zum dritten Mal gegen die Sparpolitik auf die Straße - allerdings mit etwas geringerer Resonanz.Vor einem Jahr sowie im Februar 1997 waren einige tausend Schüler mehr bei den Aktionen gegen Bildungsabbau. Mit Trillerpfeifen und Rasseln zogen die Teilnehmer der sechs Züge in Richtung Mitte.Schülerbands sorgten für Stimmung.Danach klatschten die jungen Leute begeistert, als Peter Hartig vom Heinrich Hertz Gymnasium für die Landesschülervertretung vom Leder zog.Klammheimlich habe der Senat die Lehrmittelfreiheit abgeschafft und damit die Bildung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft provoziert.Elternsprecher machten auf katastrophale hygienische und bauliche Zustände an den Schulen aufmerksam. Kinder und Jugendliche aller Schultypen hatten sich rund um den Neptunbrunnen eingefunden, obwohl das Landesschulamt vor der Teilnahme gewarnt hatte.Zeugniseinträge für unentschuldigtes Fehlen und die Note sechs für versäumte Arbeiten hatten die Schüler zu befürchten."Wir haben vorsichtshalber mal das Klassenbuch eingesteckt", erzählten Schülerinnen des James-Böhring-Gymnasiums. Nach Angaben der GEW sitzen in den Berliner Klassen heute durchschnittlich drei Schüler mehr als vor sieben Jahren.Die Senatsschulverwaltung bestätigt, zumindest 1996 habe die Klassenstärke um "ein bis zwei Schüler" zugenommen.In Berlin sind Rahmenbedingungen für die erwünschten Schülerzahlen festgelegt.Danach sollen in einer ersten Grundschulklasse 24 Kinder, in einer siebten Klasse der Realschule aber 28 und in der gleichen Stufe des Gymnasiums 30 Schüler sitzen.Die steigenden Schülerzahlen sind eine Folge des Senatsbeschlusses, nach dem bis zum Jahre 1999 rund 3000 Lehrerstellen eingespart werden müssen. Das dicke Ende stehe allerdings noch bevor, sagte gestern die Sprecherin der Schulsenatorin, Rita Hermanns, denn Lehrer können nicht entlassen werden, das Sparziel lasse sich somit nur langfristig durch einen Einstellungsstopp und Pensionierungen erreichen.Vehement widerspach Frau Hermanns jedoch den Vorwürfen, Senatorin Ingrid Stahmer (SPD) habe nicht die Notbremse gezogen.Der Einstellungsstopp sei dank ihres Gegensteuerns weniger rigoros als ursprünglich vorgesehen.So habe sie vor zwei Wochen die zusätzliche Anstellung von 679 Berufsschullehrern, 21 Sonderschullehrern und 15 Pädagogen an Europa-Schulen durchgesetzt, weil Lehrkräfte an diesen Schulen besonders knapp sind und deshalb Unterricht ausfällt.Darüberhinaus habe das Land 1996 die umstrittenen Fristverträge von 950 angestellten Lehrern verlängert.Der Unterrichtsausfall an Berlins Schulen sei weit weniger dramatisch als behauptet. Senatorin Stahmer kritisierte den Zeitpunkt der Demonstration.Wären die Jugendlichen nachmittags auf die Straße gegangen oder am ersten Ferientag, hätten sie aus Sicht der Senatorin überzeugender dargestellt, "daß ihnen die Probleme wirklich wichtig sind".

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