Berlin : Mit dem obersten Polizisten geht auch sein Amt

Schutzpolizeidirektor Gernot Piestert wird nach 43 Dienstjahren in den Ruhestand verabschiedet – einen Nachfolger gibt es nicht

Werner Schmidt

Was er nicht mag, sind Polizisten, die ohne Kopfbedeckung unterwegs sind. Die Mütze gehört zur Uniform – außer es wurde genehmigt, sie abzunehmen. Wer sich von ihm auf der Straße „oben ohne“ erwischen ließ, bekam Ärger. Jetzt, nach 43 Dienstjahren nimmt der Chef von 17 000 Polizisten selbst seinen Hut und geht in den Ruhestand. Mit 60, wie dies bei Polizisten und Feuerwehrleuten üblich ist. Mit Gernot Piestert verschwindet auch sein Amt. Die Funktion des Landesschutzpolizeidirektors wird abgeschafft, den Oberbefehl übernimmt künftig der Polizeipräsident selber.

Als Piestert 1960 Polizist wurde, war die Behörde noch paramilitärisch organisiert. Granatwerfer und Maschinengewehre gehörten zur Ausrüstung, und auch der damals 17-Jährige musste lernen, damit umzugehen: „Die Bedrohung kam aus dem Osten, von den Kommunisten.“ Die Schule hatte er hingeschmissen, stattdessen buddelte er als Polizist Schützenlöcher und stand Wache an der innerstädtischen Grenze. Dort lernte er das Leid der auseinandergerissenen Familien kennen. Er erlebte Fluchtversuche aus Ost-Berlin und stand der DDR-Polizei gegenüber, deren Mitglieder er nach dem Mauerfall in die (West-)Berliner Polizei integrieren musste.

Niemand hat so viele gewalttätige Demonstationen erlebt wie Piestert, der in seiner Karriere unter fünf Polizeipräsidenten arbeitete. Seit er 1993 Polizeidirektor wurde, erlebte er allein zehn Mal die 1.- Mai-Randale in Kreuzberg. Auch der Überfall aufgebrachter Kurden das Israelische Generalkonsulat im Februar 1999 fiel in seine Amtszeit. Israelische Sicherheitsbeamte erschossen dabei vier Menschen. Ein Ereignis, das Piestert nie für möglich gehalten hätte und für das die Polizei anschließend viel Kritik einstecken musste: „Ich dachte doch, das Generalkonsulat sei eine uneinnehmbare Festung. Wer konnte denn ahnen, dass die Sicherheitsbeamten die Tür aufmachen und schießen!“

Der Landespolizeidirektor verlässt sein Büro im zweiten Stock des Polizeipräsidiums am Platz der Luftbrücke, so scheint’s, ohne Wehmut. Wenn in vier Wochen, am 1. Mai, wieder Randale in Kreuzberg droht, ist Gernot Piestert weit weg. Er trifft sich in Bad Malente mit anderen pensionierten Kollegen und sieht dieses Mal aus der Distanz zu. Mit seiner Frau, die er schon als 17-jähriger Polizeianfänger kannte, wird er das tun, was in der Vergangenheit zu kurz kam: reisen, lesen, Ausstellungen, Konzerte und Theaterveranstaltungen besuchen und den Freundeskreis pflegen: „Da haben wir sehr viel nachzuholen.“

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