Berlin : Mit dem Panzerkreuzer zur Museumsinsel

Eine Wohnung in Berlin haben sich die Pet Shop Boys nun doch nicht gekauft. Aber dafür sind sie oft in der Stadt – wie am kommenden Sonntag

Lars von Törne

Das mit der Wohnung in Berlin haben sie dann doch sein lassen. „Wäre schon klasse gewesen, ein Domizil in der Karl-Marx-Allee oder in Prenzlauer Berg zu haben“, sagt Neil Tennant (51) schmunzelnd, und Chris Lowe (49) nickt zustimmend. Aber dann hatte Tennant doch Zweifel daran, dass Berlin der richtige Ort für die geplante Immobilien-Investition ist, zumal die beiden die Stadt zwar mögen, aber dann eben doch eher selten da sind. „Am Schluss habe ich mein Geld dann woanders investiert, wo die Rendite größer ist – als eiskalte Geldanlage“, sagt Tennant und setzt ein ironisches Immobilienhai-Grinsen auf.

Auch ohne Berliner Wohnsitz verbindet die beiden Pet Shop Boys viel mit der Stadt. „Wir sind öfter da und haben schon einige Alben dort aufgenommen“, erzählt Tennant beim Gespräch in einem Büro ihrer Plattenfirma EMI. Die beiden, die als erfolgreichstes Pop-Duo der Musikgeschichte gelten, wirken beim Gespräch überraschend unprätentiös und in Jeans und T-Shirt fast ein wenig bieder. Seit vielen Jahren, so erzählen sie, sind sie regelmäßig zwischen Ku’damm und Prenzlauer Berg unterwegs, sei es, um befreundete Musiker zu besuchen, sei es um neue Songs einzuspielen oder in Clubs wie dem „Big Eden“ den DJ zu geben. „Die Stadt ist besonders schön im Sommer“, schwärmt Neil Tennant. „Ich liebe es, an warmen Tagen durch den Tiergarten zu spazieren.“

Noch enger wurde die Verbindung zu Berlin durch das jüngste Projekt der beiden, die Neuvertonung des Stummfilms „Panzerkreuzer Potemkin“, die Tennant und Lowe samt Orchester am 4. September auf der Museumsinsel aufführen wollen. Parallel dazu erscheint auch die CD, die das Pop-Duo vergangenes Jahr mit den Dresdner Sinfonikern in Berlin eingespielt hat. Damit bringen die Briten den Stummfilmklassiker von Sergej Eisenstein wieder dorthin zurück, wo 1926 sein Siegeszug begann. Die Premiere im „Apollo“ in der Friedrichstraße war der Ausgangspunkt für den Welterfolg des russischen Revolutionsepos, in dem es um die Meuterei einer Kriegsschiff-Besatzung gegen zaristische Offiziere geht.

Die Musik, die Tennant und Lowe mit dem deutschen Komponisten Torsten Rasch geschaffen haben, ist zwischen Pop, Neuer Musik und klassischem Soundtrack angesiedelt. „Das war nicht immer einfach, Popmusik und atonale Musik zu verbinden“, beschreibt Neil Tennant die Kooperation mit Rasch. Am Schluss musste der Deutsche einige Zugeständnisse machen. „Er wollte das viel mehr nach Avantgarde klingen lassen“, sagt Tennant. „An einem Punkt sagten wir: Wenn wir diesen Weg fortsetzen, verlassen die Pet Shop Boys das Projekt. Ich glaube, das Ergebnis war es wert.“

Wer bei „Battleship Potemkin“, wie das Werk auf Englisch heißt, leichtgewichtige Pet-Shop-Boys-Hits à la „West End Girls“ erwartet, dürfte allerdings ein wenig enttäuscht sein. Das 73-minütige Werk enthält zwar drei, vier poppigere Songs, in denen Tennant mit seiner prägnant hohen Stimme singt, während Lowe tanzbare Discobeats dazu kreiert hat. Aber es überwiegen doch eher klassisch-moderne Soundtrack-Passagen, in denen sich der Synthie-Sound der Band mit dem klassischen Orchesterklang der Dresdner Sinfoniker zu einem dramatischen Gesamtkunstwerk voller musikalischer Spannungen vermischt, das den spektakulären Schwarz-Weiß-Bildern des Films durchaus angemessen ist.

Die Idee zu der Kooperation stammte ursprünglich von einem Londoner Kulturinstitut. „Wir kannten den Film kaum, als wir das Angebot annahmen, den Soundtrack neu zu komponieren“, gesteht Chris Lowe. Inzwischen hat sich das Duo Eisensteins Werk unzählige Male angesehen und darin einige zeitlose Botschaften entdeckt. „Für mich geht es in dem Film weniger um Kommunismus als um die Macht von Protest“, erklärt Neil Tennant. „Das ist eine Idee, für die ich große Sympathie habe“, sagt er und schwärmt von den Protesten gegen eine neue Steuer, die 1990 die britische Regierung Margaret Thatchers zu Fall brachten. Das Attraktivste an „Panzerkreuzer Potemkin“ ist für das Duo aber die Idee von Bruderschaft, sagt Tennant: „Diese romantische Idee, dass einer für den anderen einsteht. In diesem freiheitskämpferischen Sinne haben wir die Musik dazu geschrieben.“

Am Sonntag, 4. September, vertonen die Pet Shop Boys und die Dresdner Sinfoniker „Panzerkreuzer Potemkin“ live beim Museumsinselfestival vor der Alten Nationalgalerie. Beginn 20 Uhr, Karten 47 Euro zzgl. Gebühr an allen bekannten Konzertkassen oder telefonisch unter 6110 1313

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben