Berlin : Mit dem Radler auf der Motorhaube ums Karree

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Berlin - Ein Autofahrer hupte, ein Radler sprang aus dem Sattel, ein Stuntman konnte sich Sekunden später nur wundern. Mit einem Mann auf der Motorhaube kurvte ein Peugeot-Fahrer ums Karree. Eine Szene wie aus einem Actionfilm. Die Akteure aber waren ein Politologe und ein Gärtner, 50 und 38 Jahre alt. Doch sie hatten sich in einer Einbahnstraße nicht im Griff und sahen sich deshalb vor Gericht wieder.

Es war im April letzten Jahres, zum Beginn der Fahrradsaison. Der Politologe sah von weitem, dass ein Biker in die Straße biegen wollte. Entgegen dem Strom? Auch wenn die Fahrbahn trotz einer Baustelle breit genug für beide war, drückte er verkehrserzieherisch auf die Hupe. „Ich wollte ihn warnen“, verteidigte er sich im Prozess wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. „Er hupte und ließ mir keinen Platz“, sagte dagegen der Radler, der in der Einbahnstraße so fahren durfte.

Der Gärtner mit kräftigen Oberarmen ließ sein Rad fallen und lief dem Peugeot hinterher. Der musste stoppen, weil ein anderes Auto ausparkte. Plötzlich hing der Radfahrer auf der Motorhaube. Er klammerte sich am Dachgepäckträger fest und brüllte. Der Radfahrer behauptete später, der Autofahrer sei angefahren und nur durch einen Sprung aufs Blech habe er sich retten können. Der Politologe aber konterte: „Der hechtete absichtlich auf mein Auto.“ Mit der Faust habe der Biker gegen die Scheibe getrommelt. Da packte den Politologen angeblich die Panik. „Mein erster Impuls war Angst, Schock, Hilfe, Flucht.“

Der arbeitslose Politologe gab tatsächlich Gas. „Mir war in der Situation ein ganz unsinniger Entschluss gekommen“, bedauerte er nun. Von der Treptower Bouchestraße in die Kiefholzstraße, dann mit einem Schlenker in die Lohmühlenstraße, weiter links in die Karl-Kunger-Straße, dann noch einmal links und schließlich nach rechts wieder in die Kiefholzstraße – und das alles mit dem Radler auf der Haube. Die Anklage war davon ausgegangen, dass er den Mann durch ruckartiges Lenken abwerfen wollte.

Der Politologe will „vorsichtig“ und mit „um die zehn km/h“ durch die Straßen geschlichen sein – voller Angst, dass der Radfahrer die Windschutzscheibe zerschlagen könnte. Der Gärtner widersprach: „Der fuhr 40 bis 60 Sachen!“ Er sei von dem Autofahrer regelrecht auf die Hörner genommen worden. Auch als der Peugeot einmal stoppte und er kurz vor dem Auto stand, sei ein Entkommen unmöglich gewesen: „Keine Chance, zur Seite zu springen.“ Die Opferrolle des Radlers aber wurde mit weiteren Zeugenaussagen unglaubwürdiger. Ein echter Stuntman hatte das Hupen in der Einbahnstraße bemerkt. Der 29-Jährige beschrieb, wie der wütende Radfahrer auf die Haube hechtete. „Er wollte nicht weichen.“ Der Peugeot sei dann recht langsam gefahren. Eine weitere Zeugin bestätigte die Version des Angeklagten. Die Richterin klappte die Akten zu. Der Autofahrer verhielt sich nicht korrekt, der Radfahrer aber habe den Anlass gesetzt. Gegen 700 Euro an die Justizkasse wird das Verfahren gegen den Politologen eingestellt. Kerstin Gehrke

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