Berlin : Mit dem Schlafsack zu den Kopfgeldjägern

Das Ethnologische Museum veranstaltete ein Sleep in für die Sieger des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs

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„Und das hier“ – die Taschenlampe erleuchtet einen kleinen, braunen, sorgsam präparierten Menschenschädel – „ist der Kopf eines Mannes, der erschlagen wurde. Man glaubte in diesem Dorf, dass ein Junge nur dann zum Mann wird, wenn er vorher einen Feind erschlägt – egal ob Mann, Frau oder Kind.“

Es ist Mitternacht, 27 Schüler stehen in der dunklen SüdseeAbteilung des Ethnologischen Museums in Dahlem und gruseln sich. Die Klasse 7c des Canisius-Kollegs hat den ungewöhnlichen Ausflug – das erste Museums-Sleep-in der Berliner Geschichte, mit Mitternachtsführung – beim Tagesspiegel-Erzählwettbewerb gewonnen. Ihr Führer, Torsten Hanf von den Besucherdiensten, erzählt so fesselnd von Kopfjägern, Initiationsriten und eigenen Besuchen in der Südsee, dass die 12- und 13-Jährigen trotz der späten Stunde noch viele Fragen stellen: „Warum zerfallen die Köpfe nicht?“, „Hatten Sie keine Angst, als Sie dort waren?“, „Gibt es da auch Menschenfresser?“

Zum Schlafen geht es dann ins gemütliche Beduinenzelt des Museumsrestaurants eßkultur, das die Schüler zum Grillabend und zum Frühstück eingeladen hatte. In dem zum Zelt umgebauten Raum, in dem sonst Lesungen, Märchenfrühstücke und private Feiern stattfinden, packen sie ihre Schlafsäcke aus, kichern und tuscheln noch eine ganze Weile lang, bis ihre Lehrer Florian Binder und Andreas Walch energisch zur Ruhe mahnen.

Museums-Sleep-ins sollte es viel öfter geben – das wünscht sich zumindest der ehemalige Senator und Erfinder der „Langen Nacht der Museen“, Volker Hassemer. „Damit kann man Kinder an Museen heranführen, so wie sie es am liebsten mögen“, sagt er, der dem Freundeskreis des Museums vorsitzt. „Der Abenteuer-Charakter einer solchen Nacht passt besonders gut zum Ethnologischen Museum, das in sich schon ein Abenteuer ist.“

„Wir haben hier im Museum sehr viele Verstorbene, die wir gar nicht richtig ehren können“, hatte Torsten Hanf bei der Führung gesagt. „Wenn ihr heute Nacht freundlich an sie denkt, werden sie auch freundlich an euch denken.“ Ein paar Stunden schlafen die Schüler denn auch, offenbar bewacht von den Geistern der Südsee-Ahnen. Denn gruselige Träume, so heißt es beim Frühstück übereinstimmend, hatte niemand. Tsp

Ethnologisches Museum, Lansstraße 8, Dahlem, Telefonnummer 8301231. Museumsrestaurant eßkultur, Telefonnummer 68089344.

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