Mit dem Traktor durch Berlin : Die fabelhafte Welt des Michael

Wie Amélie Poulain im Film bereist Michael Gies die Sehenswürdigkeiten Berlins und fotografiert – für seinen Opa. Nur dass er keinen Gartenzwerg dabei hat, sondern einen Traktor.

Luisa Jacobs
Und was machst du den ganzen Tag? Trecker fahr’n! Michael Gies fällt im Straßenverkehr auf – nicht nur, weil er so langsam fährt. Mit 15 km/h tuckelt er durch Berlin. Foto: dpa
Und was machst du den ganzen Tag? Trecker fahr’n! Michael Gies fällt im Straßenverkehr auf – nicht nur, weil er so langsam fährt....Foto: dpa

Angefangen hat die Geschichte vom mysteriösen Traktor in Berlin mit einem Versprechen an der Mosel: Michael Gies sollte den Traktor seines Großvaters nur mit nach Berlin nehmen dürfen, wenn er ihm ein Foto mit dem Trecker aus der Hauptstadt schicke – das hat Gies seinem fast 90-jährigen Großvater im März 2014 fest zugesagt. Dass sein Traktor es ein Jahr später sogar in die Zeitung schaffen wird, hätte sich der Senior allerdings nicht erträumt.

Michael Gies ist mit dem rostig grünen Traktor groß geworden. Sein Großvater hat das Modell Kramer KL11 vor 60 Jahren für seinen Weinbau-Betrieb gekauft. Gies, heute 28 Jahre alt, verbrachte seine Schulferien jedes Jahr an der Mosel und half bei der Weinlese. „Traktor fahren war ganz normal für mich“, sagt er. Schon als Kleinkind habe er auf dem Schoß seines Großvaters gesessen und gelenkt.

Zwanzig Jahre später hat Gies nun die Möglichkeit, sich für die frühen Fahrstunden zu revanchieren. Das Foto mit dem Traktor sollte etwas zeigen, das sein Großvater garantiert erkennt. Gies entscheidet im Frühjahr 2014, seine erste große Traktor-Tour zum Olympiastadion zu machen. Traktoren dürfen auf Berlins Straßen ebenso fahren wie Oldtimer und BierBikes (siehe Kasten). Gies ist eine Stunde lang mit 15km/h durch die Wohnviertel getuckert. „Opa war stolz wie Oskar, dass sein Auto jetzt in der Großstadt fährt“, erzählt Gies.

Sightseeing-Tour mit dem Traktor

Den Weinbau übernehmen und an der Mosel Trecker zu fahren, war für Gies nie eine Option. Der Wahl-Berliner, aufgewachsen in Stuttgart, kann sich nicht vorstellen, auf dem Land zu wohnen. „Ich fühle mich pudelwohl in Berlin“, sagt Gies. „Das Ländliche habe ich eigentlich nie gesucht.“

Und weil Großvater Gies sich so sehr über den Großstadt-Gruß gefreut hat, hat sein Enkelsohn die Sightseeing-Tour mit dem Traktor zum Hobby gemacht. Immer wenn Gies zwischen Arbeit und Familienleben ein bisschen freie Zeit bleibt, macht er sich mit dem grünen Traktor auf die Reise durch Berlin – und schickt ein Foto an seinen Großvater. So wie die fabelhafte Amélie Poulain im französischen Spielfilm den Gartenzwerg ihres Vaters auf Reisen schickte, so holt Michael Gies mit seinen Bildern das große Berlin ins Wohnzimmer seines Großvaters. Seine jüngste Tour am Ostermontag führte Gies zum Reichstag, das Foto an die Mosel ist schon unterwegs.

Michael Gies. Foto: dpa
Michael Gies.Foto: dpa

Die Auswahl an Foto-Motiven für Gies’ Traktor-Fahrten ist jedoch begrenzt. Zum Alexanderplatz würde er zum Beispiel niemals fahren. Der Stadtverkehr mache mit dem Trecker nur bedingt Spaß. „Ich muss ja immer gucken, dass ich es in der Grünphase über die Kreuzung schaffe“, sagt Gies, der sonst jeden Tag mehr als 20 Kilometer zu seiner Arbeit am Flughafen Schönefeld zurücklegt. Dann fährt er aber lieber mit seinem Kleinwagen durch den Berliner Verkehr.

Kinder kriegen ein Strahlen in den Augen

Ab und zu fährt Gies auch einfach mal mit dem Traktor zu Freunden. Ganz alltagstauglich sei das Fahrzeug aber nicht. Er versuche immer auf ruhigeren Straßen, am besten in 30er Zonen, zu fahren, sagt er. Einmal musste Gies wegen einer Baustelle auf der sechsspurigen Bismarckstraße fahren. „Das war wirklich kein Spaß mehr“, sagt Gies.

Ein paar Ideen für den Traktor abseits vom Alltagsverkehr hat er noch: Wenn es mal mit seinem Job nicht mehr gehen sollte, könne er sich vorstellen, Touri- Rundfahrten anzubieten: „Hinten eine Bierbank auf den Anhänger und los geht’s.“ Oder eine Welt-Tournee mit dem Traktor. Aber mit 15 km/h würde er so lange brauchen, „das ist dann eher ein Projekt für die Rente“, scherzt Gies.

Selbstversuch: Mit dem Fahrrad auf dem Kaiserdamm
Ein Linksabbiege-Versuch vor der Schloßstraße, Teil 1: Der Smart ist gerade erst hinter dem Radler auf den Kaiserdamm eingebogen, beschleunigt allmählich... Foto: Doris Spiekermann-KlaasWeitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Doris Spiekermann-Klaas
04.05.2013 22:53Ein Linksabbiege-Versuch vor der Schloßstraße, Teil 1: Der Smart ist gerade erst hinter dem Radler auf den Kaiserdamm eingebogen,...

Im Großstadt-Verkehr reagieren die Leute ganz unterschiedlich auf den grünen Trecker. „Frauen gehen meist in Deckung, Männer und Kinder kriegen dieses Strahlen in den Augen“, sagt er. Ein neugieriger Fahrradkurier habe sich mal für ein paar hundert Meter bei ihm an die Reling gehängt. „Dann ist er an mir vorbeigesaust und hat gerufen, das sei ihm zu langsam“, erzählt Gies und lacht.

Nächstes Ziel der Grunewald?

Aber um Geschwindigkeit geht es Gies ohnehin nicht. Der grüne Trecker sei vor allem eine schöne Kindheitserinnerung und außerdem fasziniere ihn die Technik. „Das Komplizierteste an dem ganzen Ding ist wahrscheinlich die Warnblinkanlage“, sagt er. Und wie einfach so ein Traktor gebaut ist, merkt Gies am eigenen Körper. „Wenn man lange gefahren ist und direkt danach ins Auto steigt, fühlt sich das an wie das erste Gehen nach dem Schlittschuhfahren: komisch, fast schwerelos.“ Jedes Mal, wenn er wieder im Auto sitzt, wundert er sich, wie leicht so ein Lenkrad sich drehen lässt.

Traktoren haben zwar keine Servolenkung, sonst gelten für sie aber dieselben Regeln wie für Autos. Gies’ Traktor ist ordentlich mit Berliner Kennzeichnen angemeldet und muss auch regelmäßig durch den Tüv. Erst am Dienstag hat der Großstadt-Traktor wieder grünes Licht für weitere Berlin-Spritzfahrten bekommen. Wer selbst einmal einen Schnappschuss vom Großstadt-Trecker machen will, sollte im Sommer öfter mal im Grunewald verweilen. Der Grunewalder Turm steht ganz oben auf Gies’ Liste.

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