• Mit den Kindern kann man es ja machen - Die Reform der sechsklassigen Berliner Grundschule kommt nicht voran - Schuld hat die verzagte Politik (Kommentar)

Berlin : Mit den Kindern kann man es ja machen - Die Reform der sechsklassigen Berliner Grundschule kommt nicht voran - Schuld hat die verzagte Politik (Kommentar)

Gerd Nowakowski

Die Wahl, die Zehntausende von Berliner Eltern in diesen Tagen zu treffen haben, fällt immer leichter. Doch viele werden darüber nicht einmal froh sein. Bis zum Wochenende können Eltern sich entscheiden, ob sie ihre Kinder nach der vierten Klasse auf grundständige Gymnasien oder Schulen mit Schnelläuferklassen wechseln lassen. Beide haben bereits jetzt deutlich mehr Bewerber als Plätze. Die angekündigte Verschiebung wesentlicher Elemente der Grundschulreform wird den Andrang verstärken.

Die Defizite der Grundschule sind seit Jahren bekannt. Kinder brauchen früher Zugang zu Fremdsprachen und mehr Wahlangebote. Nur so werden Grundschulen zukunftstauglich. Vor allem in den fünften und sechsten Klassen ist eine Differenzierung nötig, damit sich leistungsstärkere Schüler nicht langweilen. Es waren die Sozialdemokraten, die sich mit dem Versprechen hervortaten, die Grundschule nachzubessern - vor allem, um der CDU und ihrem Werben für mehr grundständige Gymnasien das Wasser abzugraben. Herausgekommen ist dabei wenig, nur das Berliner Modell der sechsjährigen Grundschule wurde sturmreif diskutiert. Die Verlierer der Endlosdebatte sind die Eltern und die Kinder.

Die Familien, die Verlässlichkeit brauchen, können sich auf die Berliner Politik nicht verlassen. Ihnen läuft die Zeit davon: Bei Viertklässlern kann man nicht warten, ihre Eltern müssen jetzt entscheiden. Und mancher, der eigentlich für die sechsjährige Grundschule eintritt, wählt das ungeliebte grundständige Gymnasium - aus Verantwortung für die eigenen Kinder.

Das Versagen der Politik hat aus dem Rinnsal derer, die sich für das Gymnasium entscheiden, einen Strom gemacht. Mancher wird sich in der Ansicht bestätigt fühlen, dass die sechsjährige Grundschule nicht reformierbar ist. Anders als seine schwachen Vorgänger hat Schulsenator Klaus Böger seit seinem Amtsantritt versucht, diesem Eindruck entgegen zu treten. Doch der Sturm, den die Pädagogen seit der beschlossenen Verlängerung der Lehrerarbeitszeit um eine Stunde entfachen, hat Bögers Tatkraft, wie es scheint, bereits erlahmen lassen. Zum kommenden Schuljahr eine Leistungsdifferenzierung einzuführen, diesen Konflikt traut er sich offensichtlich nicht zu.

Wie groß das Interesse an einer Schule ist, die aufs Leben vorbereitet, haben die Eltern am vergangenen Wochenende beim Sternmarsch gegen die Bildungspolitik gezeigt. 40 000 kamen zum Roten Rathaus: weit mehr, als selbst Optimisten erwartet hatten. Es scheint freilich so, als ob die Interessen der Eltern im politischen Geschäft leichter wiegen als die massive Lobby der Lehrer.

Durch die Signale des Senats werden sich Eltern in die Ecke gedrängt fühlen. Die Grundschulreform kommt nicht voran, zugleich schränkt das neue Schulgesetz die Freiheit der Eltern ein, sich für eine weiterführende Schule zu entscheiden. Der Ausweg aus der Grundschul-Misere, das massenhafte Votum für das Gymnasium, soll blockiert werden - so müssen Eltern das verstehen. Der Kessel steht bereits unter Druck, nun wird noch das Ventil zugedreht.

Kinder, so rechnen findige Köpfe den Eltern vor, sind eine denkbar schlechte Investition. Wer in Kategorien des shareholder value denkt, lässt besser die Finger davon. Nach Modellrechnungen kostet ein Kind, bis es erwachsen ist, rund 700 000 Mark an Ausgaben für Ausbildung, größere Wohnung und entgangenem Verdienst der Eltern. Die Rendite ist immaterieller Natur. Wer will es Menschen verübeln, die sich diese Investitionen für die Gesellschaft genau überlegen? Die Zinsen kassieren andere. Wer die Investition dennoch wagt, braucht Unterstützung, gerade auch bei der schulischen Ausbildung. Die Politik in Berlin bietet das Gegenteil. Aber es gibt ja immer noch Inder - und ihre Kinder. Falls die in unsere Grundschulen gehen wollen.

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