Berlin : Mit den Kühen vom Hinterhof zum Stadtrand

Rainer W. During

Die Stammkunden kommen aus der ganzen Stadt auf die Rudower Felder, um die frische Milch der Mendlers zu kaufen. An der Lettberger Straße, nicht weit vom Flughafen Schönefeld, halten sie in ihren Ställen 50 Milch- und zehn Mutterkühe. Die Brüder betreiben einen der beiden letzten großen Milchbauernhöfe Berlins.

Türkische Familien aus Wedding holen nach Voranmeldung schon mal 100 Liter der unpasteurisierten Milch, um Joghurt herzustellen. Am Preis hat sich seit DMark-Zeiten nichts geändert. 80 Cent kostet der Liter im Hofladen, früher waren es 1,60 Mark. Mehr ist wegen der Supermarkt-Konkurrenz kaum durchzusetzen.

Einst hielten die Mendler die Kühe auf dem Hinterhof. 1982 wurde der Betrieb von der Schöneberger Steinmetzstraße auf die Rudower Felder umgesiedelt. Damals war das kurz vor der Grenze. Davon zeugt noch ein Mauerteil neben der Zufahrt. Die Rotbunten neben den Schwarzbunten im Stall brachte Joachim Mendlers Schwägerin aus Westdeutschland mit in die Ehe. Den bewirtschaftet er zusammen mit Bruder Georg, dessen Frau Rosi und zwei Hilfskräften. Auf 15 000 Quadratmetern plus 65 Hektar Weiden und Äcker als Pachtland gibt es immer zu tun. Hier wird auch Futtermais angebaut.

Stolz zeigt Joachim Mendler die Urkunde zum großen Preis der Milch-Erzeuger. Rund zwei Drittel der produzierten Milch geht in den Direktverkauf, den Rest übernehmen Molkereien aus dem Umland. Am Lieferboykott beteiligen sich die Mendlers nicht, auch wenn die Preise „hart an der Existenz“ liegen. „Wenn wir nur an Molkereien liefern würden, könnten wir zumachen“, sagt Mendler. Auch so geht es nicht ohne ein zweites Standbein. Nachdem die Schweinezucht bereits Anfang der 90er Jahre aufgegeben wurde, setzt man auf die Betreuung von 40 Pensionspferden. Im Hofladen gibt es Butter, Käse sowie Fleisch und Wurst aus eigener Schlachtung. Auf dem Freigelände tummeln sich Ziegen. Die Schafe sind gerade im „Liebesurlaub“, weil man über keinen eigenen Bock verfügt. Der Mendler-Hof ist ein beliebtes Ausflugsziel für Schulen und Kindergärten. Ob Georgs Sohn Tobias (14) den Hof fortführen wird, ist offen. Rainer W. During

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