Berlin : Mit den Waffen der Liebe

Heute entscheidet sich in Berlin, wer Deutschland beim Grand Prix in Kiew vertritt. Vorher sticheln die Kandidaten gegeneinander

Nana Heymann

Vielleicht bringt ja der Knoten Glück. Wenn nicht, setzt er immerhin ein Zeichen. Udo Lindenberg hat zumindest schon mal „ein extrem gutes Gefühl“. Bei den Proben zum deutschen Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“ steht er gewohnt lässig am Bühnenrand der Arena in Treptow und beobachtet mit kritischem Blick den Auftritt seines Schützlings Ellen ten Damme. Während die 37-Jährige ihre Rocknummer „Plattgeliebt“ probt, fuchtelt Lindenberg fahrig mit einer Pistole herum. Die Waffe ist zwar durch einen dicken Knoten im Lauf entschärft, die Botschaft jedoch, die der notorische Altrocker damit vermitteln will, ist unmissverständlich: Er sagt den übrigen neun Mitbewerbern um die Teilnahme am internationalen Endausscheid in Kiew unverhohlen den Kampf an.

Keine Frage: Beim diesjährigen Wettbewerb wird scharf geschossen, wenn auch nur verbal. So tönte Lindenberg erst noch vor wenigen Tagen lautstark gegen die neuerliche Teilnahme von Ralph Siegel. „Dieses ganze Pop-Gesülze und Liebes-Trallala ist doch austauschbar“, sagt er nun zwischen den Proben. Mit seiner schrägen Antikriegsnummer „Plattgeliebt“, die Ellen ten Damme mit wilden akrobatischen Einlagen präsentieren wird, werde „ein europäisches Statement und Haltung transportiert“.

Rivale Ralph Siegel zeigt sich von solchen Seitenhieben unberührt. Während seine Zöglinge Nicole Süßmilch und Marco Matias auf der Bühne ihren Beitrag „Miracle Of Love“ durchgehen, sitzt der Schlagerkomponist in einer Ecke der Halle, in der die Kameraaufzeichnungen der Proben auf Monitoren übertragen werden. Hochkonzentriert schaut er auf die Bildschirme, um die Darbietung seines Duetts zu überprüfen. Sobald ein Durchlauf abgeschlossen ist, eilt er zum Bühnenrand, um den beiden ehemaligen Castingshow-Teilnehmern neue Anweisungen und Verbesserungsvorschläge zu geben. Schließlich müssen bei der eingängigen Pop-Ballade jeder Ton, jeder Blick und jede Geste für den großen Auftritt am Samstagabend sitzen. Reichlich ungelegen kommt dabei die Schnittverletzung, die sich Nicole Süßmilch vor kurzem an der linken Hand zugezogen hat. Noch ziert ein dicker Verband ihren Zeigefinger, die 24-jährige Berlinerin hofft jedoch, ihn bis zur Live-Übertragung im Fernsehen wieder los sein zu können.

Mit gesundheitlichen Problemen quält sich unterdessen auch Reinhold Beckmann, der die Übertragung für die ARD moderieren wird. Er habe sich bei seinen Kindern mit der Grippe angesteckt, sagt der Moderator. Seinen Einsatz will er jedoch keinesfalls verpassen: „Als Moderator muss man einmal im Leben den ,Eurovision Song Contest’ gemacht haben.“ Seit frühester Kindheit habe er die Veranstaltung verfolgt, meist im Bademantel bei einer Packung Schogetten. Hinsichtlich seiner Rolle in der Show gibt sich der bekennende Rock-Fan jedoch bescheiden. „Ich sehe mich nicht als den großen Gaukler. Es geht darum, die Künstler auf den Sockel zu heben und einen launigen Ton zu finden.“ Dass dieser auch tatsächlich gefunden wird, davon ist Jürgen Meier-Beer überzeugt. Der Unterhaltungschef des NDR setzt nach den im vergangenen Jahr mitunter chaotischen Moderationen von Jörg Pilawa und Sarah Kuttner diesmal auf „einen einzigen kompetenten Gesprächsführer“. Unterstützt wird Beckmann lediglich von Viva-Moderatorin Milka, die über die Atmosphäre hinter der Bühne berichten wird.

Auf die Unterstützung ihrer Heimatstadt Berlin bei der telefonischen Abstimmung baut hingegen Nicole Süßmilch. Trotz der zahlreichen Auftritte, die die Sängerin bereits absolviert hat, sei die Teilnahme bei dem Wettbewerb, der sich selbstbewusst „Germany 12 Points“ nennt, der bisher größte Moment in ihrer Karriere. „Ich war noch nie im Leben so aufgeregt“, sagt die Lichtenbergerin.

Betont gelassen und siegessicher zeigt sich dagegen Udo Lindenberg. „Es gibt sehende Menschen und weniger sehende“, sagt der Rocker im Tonfall der Überlegenheit. Sollte seine Künstlerin Ellen ten Damme den Vorausscheid gewinnen, werde sie stellvertretend für ganz Deutschland US-Präsident Bush das verknotete Schießeisen überreichen.

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