Berlin : Mit der Axt in den Schilderwald

Der ADAC hat einen Plan gegen das Dickicht aus Verkehrshinweisen aufgestellt. Seine Schätzung: Jedes zweite Schild kann weg

Jörn Hasselmann

Der ADAC will den Berliner Schilderwald lichten. Von den – grob geschätzt – 250 000 Verkehrszeichen sei ein Drittel überflüssig, sagte ADAC-Experte Jörg Becker. Würde sein Plan umgesetzt, könnte sogar jedes zweite Schild abgeschraubt werden. Der Plan enthält drei Forderungen: Vereinheitlichung der Parkregelung, Tempo 50 in der Stadt, standardisierte Baustellenbeschilderung.

Vor allem die Parkraumbewirtschaftung habe den Schilderwald zum Dickicht werden lassen, sagte Becker. Denn die Bezirke haben je nach politischer Couleur unterschiedliche Geltungszeiten ausgeschildert, wäre alles einheitlich, bräuchte man weniger Schilder. „Alle paar Meter wird ein Wiederholungsschild aufgestellt, um sich juristisch abzusichern“, klagt Becker. Zudem sollte man mehr mit Farbmarkierungen am Bordstein arbeiten wie in anderen Ländern. Ebenso schilderintensiv sei der „Tempo-30-Wildwuchs“, ständig würden 50er-Straßen durch 30er-Abschnitte unterbrochen. Und bei den vielen Baustellen fehle eine Koordinierung und eine Kontrolle. Schlimm sei, dass zeitweise ungültige Schilder nur mit Klebeband durchkreuzt werden, statt sie ganz abzubauen. So stünden an jeder Baustelle doppelt so viele Schilder wie nötig, sagt Becker, und das verwirre die Straßennutzer.

Der ADAC fordert deshalb, dass fürs Parken, das Hauptstraßennetz und die Baustellen ausschließlich der Senat zuständig sein sollte. Aber damit stößt er beim Senat auf Granit. „Wir hatten eine Bezirksreform“, sagt Petra Rohland, die Sprecherin von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Seitdem sind die Bezirke nicht nur bei den Parkzonen eigenständig. „Einheitlichkeit ist da nicht zu erreichen“, sagt die Sprecherin. Unterschiedlich sind auch die Ideen, wie der Wald gelichtet werden kann. Der Fahrradclub ADFC und die Grünen hatten schon vor Jahren gefordert, Tempo 30 zum Standard in der Stadt zu machen und nur noch die wenigen 50er-Hauptstraßen auszuschildern. Tausende Schilder würden zudem auf einen Schlag überflüssig, wenn sämtliche Busspuren rund um die Uhr für Autos gesperrt wären. Beispiel: Vor der Philharmonie an der Potsdamer Straße ist eine Busspur, auf der man von 18 bis 22 Uhr parken darf. Für diese vier Stunden wurden Dutzende Schilder aufgestellt. Doch politisch sei eine Vereinheitlichung nicht durchsetzbar, heißt es in der Verkehrsverwaltung. Dies habe die Fußball-WM gezeigt, bei der etliche Busspuren rund um die Uhr für Autos gesperrt waren. „Da stand das Telefon nicht mehr still“, hieß es.

Dass es überflüssige Schilder gebe, streitet Petra Rohland allerdings nicht ab. Jedes dritte Schild sei es jedoch auf keinen Fall. Ab und an veranstaltet der Senat nach Angaben Rohlands sogenannte Schilderfahrten mit Experten von Senat, Bezirk und Polizei. Bei jeder Fahrt würden sinnlose Zeichen entdeckt.

Immer wieder rufen auch einzelne Bezirke zu „Aktionen“ auf, Bürger sollen sinnlose Schilder melden. So ging das Bezirksamt Kreuzberg-Friedrichshain im vergangenen Jahr etwa 40 Hinweisen nach, andere Bezirke ignorieren das Thema. Spitzenreiter ist Pankow, wo im vergangenen Jahr 500 Schilder abmontiert wurden. „Wir machen weiter“, sagte CDU-Stadtrat Martin Federlein. Die 500 Schilder passen in drei Kategorien: Vorfahrtsregelung in 30er-Zonen (unnötig), Parkverbote an Kreuzungen (ebenso) und „vergessene“ Schilder. Dazu zählt zum Beispiel „Bahnübergang“, wo es längst keine Gleise mehr gibt.

Eine zentrale Telefonnummer, um überflüssige, falsche oder doppelte Schilder berlinweit zu melden, gibt es nicht. Tipp der Verkehrsverwaltung: das Bezirksamt anrufen.

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