Berlin : Mit der Dietrich im Schulorchester

Lilo Hehner ist 100 Jahre alt. Die Memoiren der Berlinerin sind wieder im Buchhandel erhältlich

Katja Füchsel

Manchmal muss man eben doppelt nullen, damit sich endlich etwas bewegt. Vor zehn Tagen erst hat Lilo Hehner ihren 100. Geburtstag mit Freunden im Hotel „Brandenburger Hof“ gefeiert, ab heute ist ihr Buch in begrenzter Auflage wieder im Handel erhältlich: „Das Leben der Lilo Hehner. Kaleidoskop einer uralten Berlinerin“.

Besonders charmant klingt der Titel mit dem „uralt“ ja nicht, aber er macht neugierig. Auf das Leben der Lilo Hehner (vgl. Tagesspiegel vom 10. April) , die 1904 in der Markgrafenstraße geboren wurde, als noch Kaiser Wilhelm II. das Land regierte. In einer Droschke erster Klasse saß Lilo Hehner, als sie mit ihrer Mutter zur Parade auf das Tempelhofer Feld fuhr, wohin „Himmel und Menschen“ kamen, um dem Regenten zuzujubeln. „Die Kaiserin trug einen riesengroßen Hut mit Pleureusen, leichten Federn“, schreibt die Hehner in ihren Memoiren.

Die Autorin – sie lebt bis heute alleine in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung unweit des Ku’damms – bleibt inkognito: Lilo Hehner ist ihr Mädchenname. „Sonst klingelt nur wieder den ganzen Tag das Telefon“, sagt die 100-Jährige. Mit dem Kaleidoskop der Lilo Hehner zieht nicht nur das 20. Jahrhundert durchaus unterhaltsam am Leser vorbei, sondern auch viel Prominenz von damals und heute: Mit Marlene Dietrich hat die Charlottenburgerin im Schulorchester gespielt, mit den Söhnen von Außenminister Stresemann war sie befreundet, für Professor Sauerbruch hat Lilo Hehner in der Charité gearbeitet, den Schriftsteller Hans Fallada kurz vor seinem Tod gepflegt, mit Charlotte von Mahlsdorf viele Briefe gewechselt und Corinna Harfouch für ihre Rolle der Eva Braun beraten. Ins Gästebuch von Lilo Hehner notierte die Schauspielerin: „Mit klopfendem Herzen bin ich hergekommen, sehr gespannt und interessiert – jetzt bin ich dankbar und froh.“ Lilo Hehner sagt, dass sie gemeinsam mit Freunden 1996 die Idee hatten, ihr Leben mit Aufnahmen aus dem Fotoalbum in Form einer Bildbiographie zu erzählen – doch dann wären so viele Begegnungen, Erlebnisse und Gedanken unerwähnt geblieben. Also fingen sie an zu sammeln, stellten alte Interviews zusammen mit Aktuellem und ergänzten das Kaleidoskop mit Auszügen aus Lilos Tagebüchern. 193 Buchseiten stellten Lilo Hehner und ihre Freunde zusammen, vor allem an den historischen Fotos kann man sich nur schwer satt sehen: Lilo 1910 mit Tüte bei der Einschulung, Lilo beim Hausball 1928, Lilo in den Armen des Bildhauers Hans Ullmann, Lilo 1935 an Deck des Dampfers „Albert Ballin“ auf dem Weg nach New York…

Sie hat in ihrem Leben so manchen Rekord geschrieben: Den Tagesspiegel hat Lilo Hehner „vom ersten Tag“ an gelesen, zählt zu den ältesten Abonnenten. Und im Berliner Zoo ist die Berlinerin die älteste Aktionärin. Nur Ratschläge zum Altwerden, die hat Lilo Hehner weder im Buch noch privat zu vergeben. „Das ist vor allem Veranlagung“, sagt die 100-Jährige knapp.

Das Buch von Lilo Hehner ist in der Autorenbuchhandlung (Telefon 3130151), Carmerstraße 10, am Savignyplatz für zehn Euro erhältlich. Zusätzlich Porto kostet es, wenn man sich das Buch von Henry Sapparth schicken lässt. Bestellungen unter Fax und Telefon 20452617 oder an die E-Mail-Adresse EditionHEWIS@gmx.de.

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