Berlin : Mit der Hand am Rollladen

Einige Geschäftsleute in Kreuzberg sind nervös vor dem 1. Mai. Trotzdem wollen sie ihre Läden erst einmal öffnen

Marc Neller

Sie kenne ein paar von diesen Kunden, sagt Cordula Falk, vom Sehen. „Ich wohne in der Nähe des Mauerparks. Dort trifft sich ja ein Teil der Leute schon am Abend vor dem 1. Mai.“ Die Kunden, von denen sie spricht, sind nicht die, die sie sich am Samstag wünscht. Sie meint: 1.Mai-Randalierer. Cordula Falk ist 26 Jahre alt. Mit einer Kollegin betreibt sie einen Keramikladen in der Mariannenstraße – in einer Ecke Kreuzbergs, in der es in den vergangenen Jahren stets Krawall gab. „Klar machen wir den Laden am Samstag auf. Es kommen so viele Leute hierher, die sonst nicht oft in der Gegend sind. Das ist gute Werbung für uns.“ Die Frau mit den halblangen blonden Haaren zieht Luft ein. „Na ja, die Bambule, wenn es hier wieder welche gibt, geht ja abends los. Wenn es soweit ist, müssen wir schnell die Rollläden runterlassen.“ Sie zieht die Schultern hoch. Bis zum Abend sei es doch ein sehr schönes Straßenfest gewesen, letztes Jahr, sagt Cordula Falk.

Das findet Nuray Kara auch, sagt sie. Sie verkauft Mode in einem kleinen, aufgeräumten Laden in der Mariannenstraße. Auch sie sagt, sie sehe keinen Grund, das Geschäft zuzulassen. „Wieso sollte ich Angst haben?“ Vielleicht ist das Lächeln, mit dem sie die Frage begleitet, etwas zu freundlich.

Es ist ein Eindruck, den man schnell gewinnt, wenn man mit Menschen spricht, die entlang der Mariannenstraße und in der Oranienburger Straße einen Laden betreiben: Sie befürchten Krawalle und erst recht Krawalle vor ihrer Ladentür. Aber mit den Leuten von der Zeitung sprechen sie lieber nicht darüber. Besser nicht auf sich aufmerksam machen. Wer weiß, auf welche Ideen die Chaoten sonst vielleicht kommen?

Auch Hermann Rausch, 52, antwortet zurückhaltend. Er ahnt nichts Gutes: Dass sich die Randalierer und Polizisten wieder vor seiner Tür eine Schlacht liefern und ihm irgendwer die Schaufensterscheiben einschmeißt. Wie so oft, seit er vor 18 Jahren seine Apotheke am Mariannenplatz eröffnet hat. Rausch dreht seine Brille in der Hand. In den letzten Tagen haben die Kunden häufiger mal nachgefragt, ob er sich denn keine Sorgen mache. „Sicher macht man sich die.“ An das Jahr 2001 erinnert sich der Apotheker nicht gerne, aber allen in der Nachbarschaft bleibt es im Gedächtnis. „Bürgerkriegsähnliche Zustände waren das damals.“ Andererseits ist da der Kiez, „man kennt sich“. Rausch sagt, das südländische Flair auf den Straßen gebe ihm das Gefühl, bei der Arbeit im Urlaub zu sein. Also bleibt er mit seiner Apotheke am Mariannenplatz. Also öffnet er auch am Samstag. Sollte es ernst werden, will er sofort die Rollgitter herunterlassen. „Das Problem ist nur: Die sind aus Denkmalschutzgründen innen.“ Sie schützen die Scheiben nicht.

Günter Füllgraf hält am Samstag nicht die Hand am Rollladen. „Wir machen alles dicht. Man weiß ja nicht, wie sich die Polizei in diesem Jahr verhält“ sagt der Leiter des Autohauses Mehner, in ruhigem Ton. Aber man sieht, wie sein Gesicht arbeitet, wenn er gefragt wird, ob er ähnliches befürchte wie im vergangenen Jahr. Da, meint er, habe die Polizei nämlich gar nicht reagiert. „Man hat lange zugesehen.“ Zu lange für sein Autohaus. An der Ecke, an der sich die Mariannenstraße und die Skalitzer Straße kreuzen, brannten Autos, die Glasfront des Geschäfts war ruiniert.

In der Adalbertstraße, unweit des Kottbusser Tors, hängen Bettlaken aus ein paar Wohnungen. Darauf stehen Kampfsprüche wie „Widerstand ist Leben“. Doreen Heubach, 33, beeindruckt das nicht sonderlich. Ob unsere Bäckerei am 1. Mai geöffnet hat? „Ja, klar. Wir machen die Rollläden runter, wenn’s losgeht.“ Die Kollegen müssen am Samstag allerdings ohne die Frau mit den hennaroten Haaren auskommen. Sie hat frei.

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