Berlin : Mit der Schaufel in der Hand

Ben Wagin und dessen „Parlament der Bäume“ zuliebe wurde Alt-Playboy Rolf Eden gestern zum Gärtner Für sein Wäldchen im Schatten eines Mauerrests fordert der Ökokünstler sogar Denkmalschutz

Ute Zauft

„Jetzt werde ich auf meine alten Tage noch zum Landwirt.“ Rolf Eden schien von sich selbst ein wenig überrascht. Ausgerechnet er, der älteste Playboy Berlins, schwang die Schaufel. Ben Wagin, Aktionskünstler und Baumpate, hatte ihn gestern gegen Mittag zu seinem „Parlament der Bäume“ am Schiffbauerdamm gebeten, um dort einen Walnussbaum zu pflanzen. Eden kam ohne Zögern – und sank mit seinen hellen Wildlederschuhen tief in die frisch geschaufelte Erde ein. Er und Wagin kennen sich seit fast 50 Jahren. Der Baumaktivist war einst Stammgast im „Old Eden“, dem früheren Nachtclub des heute 77-jährigen Eden.

Für Wagin war die Baumpflanzung zugleich eine Möglichkeit, sich erneut für sein Herzensprojekt starkzumachen: Er fordert, dass sein „Parlament der Bäume“ unter Denkmalschutz gestellt wird. Wagins erste Bäume schlugen auf dem früheren Mauerstreifen zwischen Hinterlandmauer und Spree bereits im November 1990 Wurzeln. Rolf Eden ist dabei nur einer von vielen prominenten Gärtnern: Zuerst bestellte Wagin die Ministerpräsidenten der Bundesländer zum Graben („Schröder, Engholm und Lafontaine waren am einfachsten zu bekommen“), dann die Bundestagsabgeordneten, schließlich die Berliner Parlamentarier. Klaus Töpfer pflanzte 1994 als Umweltminister einen Apfelbaum. In den weichen Boden sind außerdem Steinplatten mit den Namen aller Grenztoten von 1948 bis 1989 eingelassen. An die noch erhaltene Hinterlandmauer hat Wagin Politikerzitate gemalt.

Früher hieß Wagin Wargin. Das „r“ in seinem Namen hat er allerdings gestrichen, weil er „war“, das englische Wort für Krieg, nicht mehr im Namen führen wollte. Das „Parlament der Bäume“ ist sein Mahnmal gegen Krieg und Gewalt. Als er es gründete, war der Mauerstreifen in Wagins Augen noch „Niemandsland“. Er habe gleich nach dem Durchbruch mit dem zuständigen Grenzoffizier der DDR ausgemacht, dass die Mauer an dieser Stelle „nicht plattgemacht wird“, erzählt der kleine Mann mit der Schirmmütze.

1996 ging das Land an den Bund, kurz darauf wurde es Bauland, und die Parlamentsgebäude entstanden. Von den ursprünglich 400 Bäumen stehen heute noch 100. Bisher hat der Bund für den Streifen keine Baupläne angemeldet. Doch das ist Wagin zu unsicher, er will, dass das Gelände aus dem Bebauungsplan herausgenommen wird. „Es ist der einzige Mauerrest, der noch nicht unter Denkmalschutz steht“, sagt er. Den Verantwortlichen scheint er nicht zu trauen: „In ihrem Schuhkarton sitzen sie sich den Hintern platt, aber von Geschichte haben sie keine Ahnung.“ Wagin zeigt mit einer abfälligen Handbewegung auf das angrenzende Bundestagsgebäude.

Damit das „Parlament der Bäume“ zum Denkmal wird, müssten sich Bund und Land einigen. Denn unter Denkmalschutz kann den Mauerrest nur das Land Berlin stellen, für die Pflege müsste als Eigentümer aber der Bund aufkommen. Für den 21. Dezember hat Wagin daher zwei Vertreter von Bund und Land zur Begehung seines Gartens eingeladen. Er will ihnen sein Anliegen persönlich vortragen.

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