Berlin : Mit der Zeit legt sich Stolz um den brennenden Schmerz

Thomas Loy

Sema Alp starb für ihr Land. So einfach und kurz lässt sich ihre Lebensgeschichte beschreiben. Sema Alp ist eine Märtyrerin. Ihr Tod erfüllt ihre Mutter mit Stolz. Dieser Stolz gibt der Familie Kraft weiterzuleben und weiterzukämpfen. Wenn Gott will, wird ein weiteres Kind den Märtyrertod sterben, vielleicht der Sohn, der als Milizionär in Kurdistan kämpft. Die Mutter würde auch darüber hinwegkommen.

Sie dankt ihrem Gott, dass Sema für eine gute Sache gestorben ist und nicht etwa, weil sie in schlechte Gesellschaft geriet. Nicht dass man sie falsch verstehe, sagt Ayse Alp und fixiert mit ihren flinken Augen ihr Gegenüber. Der Schmerz über den Tod ihrer Tochter brenne in ihr so heftig wie in der ersten Stunde, als sie davon erfuhr. Nur legte sich mit der Zeit der Stolz um den brennenden Schmerz. Kurdistan trauert seit Generationen um seine getöteten Kinder. Hat eine einzelne Mutter noch ein Recht auf Verzweiflung?

Bis heute blieb der Tod von Sema Alp, Ahmet Acar, Mustafa Kurt und Sinan Karakus ungeklärt. Wie werden die Angehörigen damit fertig? Das kurdische Zentrum am Mehringdamm vermittelt ein Gespräch. Wir treffen Ayse Alp im Hinterzimmer, eine Art Schulungsraum. An der Wand hängt ein einsames Plakat. Es fordert Freiheit für den inhaftierten Kurdenführer Öcalan. Über der Tafel ist er selbst zu sehen, im Großporträt. Frau Alp setzt sich darunter an den Tisch. Ihren Mantel möchte sie nicht ausziehen. Trinken möchte sie auch nicht. Das dunkel-violette Kopftuch umhüllt ein Gesicht, aus dem das Leuchten verschwunden ist.

Ihr Stimme ist kraftvoll und energisch. Die Dolmetscherin kann sie kaum bremsen. Uns mag es um Sema gehen - was wollte sie im Leben? was war ihr wichtig? - ihrer Mutter geht es um Politik. Privates und Politisches lasse sich in Kurdistan nicht trennen. Auch nicht, wenn die Kurden in Deutschland leben? Vielleicht schon Deutsche geworden sind? Frau Alp kann sich kurdische Deutsche so wenig vorstellen wie deutsche Kurden. Für sie gibt es nur Kurden, Türken, Deutsche und die Politik ihrer Regierungen.

Sema wurde 18 Jahre alt. Sie war vor sieben Jahren zusammen mit der Mutter nach Deutschland gekommen. Der Vater lebte schon länger hier. Sema lernte auf der Volkshochschule Deutsch und machte Handarbeiten, die verkauft wurden. Sie sollte demnächst ihren Cousin heiraten, erzählt ihre Mutter. Doch sie habe abgelehnt - nicht aus Mangel an Liebe, sondern weil sie nicht heiraten wollte, solange ihr Volk in Unterdrückung leben müsse. Diese Entscheidung habe sie akzeptiert, erzählt Frau Alp. Dennoch habe sich Sema nicht politisch engagiert. Der Vater wollte das nicht - aus Angst um seine Tochter. Er selbst hält sich von der Politik fern.

Zur Demonstration vor dem Konsulat sei Sema nur gefahren, um nach ihren jüngeren Schwestern zu sehen, die von Anfang an dabei waren. Sie habe ihre Tochter zurückhalten wollen, aber Sema sagte: Was kann mir schon passieren. Ich habe doch keine Waffen. Als sie von den Kugeln getroffen wurde, habe ihre jüngere Schwester Emine noch gesehen, wie Sema von Polizisten weggetragen worden sei. Auch die deutsche Polizei trage eine Mitschuld am Tod ihrer Tochter, sagt Frau Alp. Sie hätte das Konsulatsgebäude besser abschirmen müssen.

Für schuldig hält sie auch die deutsche Regierung, weil sie Öcalan kein Asyl gewähren wollte. Emine verlor wegen der Teilnahme an der illegalen Demonstration ihre unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und ihren Ausbildungsplatz als Krankenschwester, erzählt ihre Mutter. Sie musste vor Gericht erscheinen, während die israelischen Wachleute unbehelligt blieben. Das nährte in Frau Alp die Überzeugung, dass die deutsche Regierung nicht besser sei als die türkische. "Wäre Deutschland eine starke Regierung, hätten sie die Täter nicht einfach ziehen lassen. Das ist eine Schande."

Sie beginnt zu agitieren. Frau Alp, das muss man wissen, ist nicht nur Mutter, sondern auch ein Sprachrohr "der Partei". Damit ist die verbotene PKK gemeint. Eigentlich befindet sich ihre ganze Familie mehr oder weniger im Dienst der Partei. Das Land, die Partei, die Familie - das ist ein Körper. Sema gehörte dazu. Den Verantwortlichen an ihrem Tod wird Frau Alp nie vergeben.

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