Berlin : Mit einem gewaltigen Fest am Kulturforum lässt Berlin das Jahrtausend hinter sich

Carsten Niemann

Silvester 2000 naht und damit erreicht der Jahrtausendendstress seinen Höhepunkt: Wie soll man feiern und dabei einigermaßen würdig von zweitausend Jahren Kulturgeschichte Abschied nehmen? Na, zum Beispiel so: Vier Tage lang bieten die Veranstalter des Kulturfestes am Potsdamer Platz eine Auswahl aus dem Besten, was diese Stadt und die Kulturen der Welt in den so überraschend schnell verstrichenen Jahrhunderten zu bieten hatten. Erstmals wird dabei der Versuch unternommen, das von den Berlinern bisher eher verschmähte Gelände zwischen Nationalgalerie und Philharmonie zu dem zu machen, was sein Name verheißt - einem Forum für Kultur.

Unter der Federführung der Berliner Festspiele GmbH haben sich die Anlieger des Kulturforums an der Philharmonie zusammengetan, um ein kulturelles Feuerwerk abzubrennen. Beteiligt sind neben den Museen rund um den Platz (vom Musikinstrumenten-Museum bis hin zur Neuen Nationalgalerie) auch die Philharmonie, die St. Matthäus-Kirche, die Staatsbibliothek und das Cinemaxx-Kino am Potsdamer Platz. Zum Eintritt in die täglich bis zu 40 Veranstaltungen berechtigt ein Tagespass, den man für 19 Mark 99 erwerben kann. Die Open-Air-Veranstaltungen sind umsonst. Am Silvesterabend werden die Museen bis 22 Uhr, an den anderen Tagen bis 24 Uhr geöffnet sein. Wem vor dem Jahrtausendwechsel noch nicht genug graut, kann sich etwa vor Augen führen lassen, wie es den Menschen früherer Zeiten bei solchen Gelegenheiten erging: "Da wird Heulen und Zähneklappen sein", ist der Titel einer Führung durch die apokalyptischen Visionen der Gemäldegalerie (31.12, 19 u. 20.30 Uhr). Für sanften Schrecken sorgen mittelalterliche Jenseitsszenarien und Höllenfahrten aus der Renaissance. Kinder dürfen die Kunst von angenehmeren Seiten kennenlernen: In der Malwerkstatt können sie am Silvesterabend lernen, Farben nach alten Rezepten selber anzureiben.

Letzte Gelegenheit , den notorischen Berliner Provinzkomplex abzulegen, bieten die "Global Sounds": In der Eingangshalle des Kulturforums ist eine Bühne aufgebaut, auf der im Laufe der vier Tage Musiker aus aller Welt auftreten werden, darunter Miguel Levin & Robert Schmidt mit ihrem Tango (30.12., 20 Uhr) und die Mariachi dos Mundos mit mexikanischem Folk (31.12, 18.15 Uhr).

Dass Kunst auch was fürs "Jemüt" sein darf, zeigen ausgerechnert die Gralshüter der Staatsbibliothek: Zu sehen sind Originalpartituren des "Das ist die Berliner Luft"-Komponisten Paul Lincke, dessen Werk live mit Streifzügen durch seine Operetten präsentiert wird. Das Musikinstrumenten-Museum kombiniert Videos über die Geschichte des Hammerklaviers mit Videos von Pianisten des 20. Jahrhunderts wie Conrad Hansen, Vladimir Horowitz und ein Gesprächskonzert mit Oskar Sala, dem einzigen lebenden Spieler des erstmals in Berlin ausgestellten Trautoniums (2.1., 16 Uhr). Doch auch dem, der bei so viel Sound die Stille sucht, kann geholfen werden: Die großen christlichen Konfessionen - die orthodoxe, die römisch-katholische und die evangelische - veranstalten in der St. Matthäus-Kirche ökumenische Gottesdienste. Sie werden ergänzt durch Meditationsstunden, an denen Vertreter anderer Religionen mitwirken werden. Wer sich eine Kirche nicht ohne Heiligenschein und Weihrauch vorstellen kann, wird spätestens beim Auftritt des "Theaters RambaZamba" eines besseren belehrt: "Starke Frauen, heiße Rhythmen, wilde Tänze und sanftes Liebesschwelgen" verspricht die "Weiberrevue", in denen die behinderten Darstellerinnen in die Offensive gehen wollen (1.1., 20 Uhr).

Und das Kulturforum selbst? Für Andacht und Weihe sorgen hier einerseits die Glockenspiele der regelmäßigen Carillonvorführungen und andererseits ein Auftragswerk der Kulturfestveranstalter. Mit seiner vierzigminütigen Komposition "hundreds and thousands" wird Brett Dean, Bratscher beim Berliner Philharmonischen Orchester, in collagenhafter Manier das Fazit aus unserer modernen Klang- und Geräuschgeschichte ziehen. Bei Anbruch der Dunkelheit wird ihn eine aufwendige Lichtinstallation hinterfangen. Und dass endlich Schluss ist mit Heulen und Zähneklappern auf dem menschenleeren Platz, dafür sorgen als letzter Trumpf die zwei Open-Air-Bühnen. Denn wenn am Silvesterabend Musiker wie die Berliner Soul-Ikone Jocelyn B. Smith oder Abdourahmane Diop angesagt sind, dürfte es bei freiem Eintritt ziemlich heiß zugehen (ab 20 Uhr).



Verliebte Blicke, verzücktes Händchenhalten, versonnenes Lächeln: So sah in dem Film "Capriolen" 1937 das Glück aus. Marianne Hoppe spielte eine Sportfliegerin, Gustaf Gründgens einen Starjournalisten, die sich erst nicht ausstehen konnten, dann aber natürlich doch zueinander fanden. "Wenn ein Flugzeug hoch am Himmel einen Salto schlägt,/ So was nennt man Capriolen./ Wenn ein Dichter sich mit einer Fliegerin vermählt,/ So was nennt man Capriolen", schmetterte dazu ein Schlager von Peter Kreuder. Turbulenter verlief damals nur das wirkliche Leben: Ein Jahr vorher hatte Gründgens, der bei "Capriolen" auch die Regie führte, seine Hauptdarstellerin geheiratet, obwohl doch überall gemunkelt wurde, dass er homosexuell sei. "Capriolen" (2.1., 17 Uhr), ein Lustspiel mit einem gewissen Lubitsch-Touch, ist ein Höhepunkt der Filmreihe, mit dem die Stiftung Deutsche Kinemathek beim Kunstfest am Kulturforum den Kinoregisseur und -schauspieler G. G. ehrt. Ein Star war Gründgens auf der Bühne, auf der Leinwand wirkte seine artifizielle Spielweise hingegen oft etwas eckig. Seine besten Rollen waren noch die, in denen er seine Aasigkeit ausspielen konnte: als Staatsanwalt mit Monokel in "Hokuspokus" (1.1., 15 Uhr) oder als Operetten-Revoluzzer Debureau in "Tanz auf dem Vulkan" (1.1., 21 Uhr). Gerne wurde der Staatstheater-Intendant aber auch im Historienfach besetzt - in "Schwarzer Jäger Johanna" (30.12., 20 Uhr) oder in "Luise Königin von Preußen" (2.1., 20 Uhr) -, denn im Kostüm wusste er immer eine gute Figur zu machen. Gründgens als Regisseur war von anderem Kaliber: Seine Fontane-Adaption "Der Schritt vom Wege" mit der Hoppe als Effie Briest ist eines der schönsten deutschen Filmmelodramen (1.1., 18 Uhr). Zu sehen sind die Filme im Cinemaxx-Studiokino am Potsdamer Platz.Das Kunstfest am Kulturforum dauert vom 30.12. bis 2.1., der Tagespass ist über das Kartentelefon 01805- 254891 sowie im Laden der Berliner Festspiele, Budapester Straße 48, erhältlich. Während des Festes können die Karten im Pavillon 99/01 gegenüber der Info-Box am Potsdamer Platz und an den Spielorten selber erworben werden.

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