Berlin : Mit einem Schwarzen ins Blaue

Nur Mut: Ein Fallschirmsprung mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Eberhard Gienger. Nach der Landung ist man süchtig

Martin E. Hiller

Fehrbellin. Fallschirmspringen muss irgendetwas an sich haben, das eine Achterbahnfahrt oder ein Klippensprung nicht bieten können. Besteht der Reiz, sich aus einem Flugzeug flügellos der Erde entgegenzustürzen, für den Menschen gerade darin, dass er nicht fliegen kann? Ich werde es herausfinden. Und zwar heute.

Ich fahre nach Fehrbellin, nordwestlich von Berlin, zur Fallschirmschule „take off“. Neben mir im Auto sitzt Eberhard Gienger, der mich bei dem Tandemsprung leiten wird. Gienger ist ehemaliger Turnweltmeister und heute Bundestagsabgeordneter der CDU. Ein passionierter Fallschirmsportler, der schon über 3300 Sprünge auf dem trainierten Buckel hat. Auch manche Kollegen wie Gitta Connemann oder Thomas Silberhorn hat er schon mitgenommen.

Politiker und Fallschirme? Richtig, da war doch was. „Es tat mir einfach nur Leid für Möllemann – und für den Sport“, sagt Gienger. Den Spaß am Springen habe ihm der Absturz Möllemanns, der ganz klar als absichtlich zu erkennen gewesen sei, nicht nehmen können. Einmal Springer, immer Springer. Dabei weiß auch Gienger, dass sein Hobby riskant ist. Einmal ist er abgestürzt, als er seine Flugrichtung ändern musste, um nicht in eine Menschenmenge zu fallen. Neben diversen anderen Frakturen hat er sich einen Stauchbruch im Knöchel eingehandelt. Er zeigt seinen Fuß: Der Knöchel ist beinahe so dick geblieben wie ein Tennisball. Ich wundere mich über mich selbst, aber mich beunruhigen weder Giengers Fuß noch die Möllemann-Geschichte. Auch die Springer in Fehrbellin, wo wir nun angekommen sind, äußern sich gelassen. „Es wird dir garantiert gefallen. Aber pass auf, dass du nicht süchtig wirst“, sagt Ralf Heine von „take off“. Von der Sucht des Springens reden mehrere der Routiniers, die bald mit mir hochfliegen werden.

Ich prüfe mich erneut auf Nervosität. Sie hält sich in Grenzen. Vielleicht fehlt einfach die Zeit, unruhig zu werden, weil ich mich auf Giengers Einweisung konzentrieren muss. Sie dauert nur ein paar Minuten; danach sind wir per Du. Eberhard also fragt, ob ich nachher gern ein paar Salti und Schrauben drehen möchte. Klar. Schon geht es los. Mit einem Dutzend weiterer Luftsegler quetschen wir uns in die Cessna, die uns in 20 Minuten auf Absprunghöhe bringen wird.

Die Tandemkandidatin neben mir sieht nett aus. Ich überlege, ein Gespräch mit ihr anzufangen - ein Thema hätten wir ja. Ich lasse es dann sein, weil sie schon nervös genug wirkt und frage mich, ob ich genauso aussehe. Immerhin, Eberhard knetet meine Schultern und sagt zufrieden: „Alles noch locker hier, so ist es gut.“ Dann legt er doch nach: „Keine Sorge, die Aufregung kommt schon noch, wenn ich dich aus der Maschine prügle.“ Wir ziehen die Gurte straff, die mich, Rücken an Brust, mit ihm verbinden.

Plötzlich kommt Bewegung in die Passagiere. Die Springer vor uns stehen auf, machen einen Schritt Richtung Ausstiegsluke – und schon sind sie verschwunden. Die Cessna leert sich schneller als ein umgestülpter Beutel Murmeln. Jetzt wird es Ernst.

Wir rutschen an die Einstiegskante. Ich hänge bereits in der Luft, während Eberhard sich noch festhält. Komischer Moment, aber er dauert nicht lange. Im nächsten Augenblick fliege ich, von dem Mann hinter mir abgesehen, allein in 4000 Meter Höhe durch die Luft. Das Gefühl ist mir so fremd, dass der Verstand kurz aussetzt. Vielleicht fühlt sich ein Kleinkind ähnlich, das von seinem Vater zum ersten Mal spielerisch in die Luft geworfen wird. Wie versprochen dreht Eberhard uns beide um sämtliche möglichen Körperachsen. Wer soll schon einen Salto besser hinkriegen als er? „Blau ist oben, grün ist unten“, hat er mir als Tipp mit auf den Weg gegeben. Einen Moment lang bin ich orientierungslos, doch dann nehmen wir die normale Flugposition ein, die es mir ermöglicht, Mutter Erde zu betrachten, meinen Körper im Wind zu spüren und mir allmählich bewusst zu werden, was ich da tue.

Endlich der erste klare Gedanke: „Es ist wunderschön!“ Fallschirmspringen ist keine vergängliche Adrenalinspritze fürs Herz. Es dringt in die Seele ein. Du wirst zu einem Engel, der sich auf einer Wolke niederlässt, um in aller Ruhe die Felder und Wiesen so weit unter ihm zu zählen. Du fällst dem Boden entgegen, aber du fühlst dich dabei wohl wie auf der Wolke und hast Zeit zu lächeln.

Dann öffnet Eberhard den Schirm. Er zieht meinen Kopf zurück, damit er nicht wegknickt, wenn wir binnen weniger Augenblicke von 180 auf 35 Kilometer in der Stunde abbremsen. Sechs Minuten, die verfliegen, als wäre es nicht mal eine, schweben wir durch die Lüfte und können die Welt von oben betrachten. Dann sind wir da: Beine anwinkeln, ein paar schnelle Schritte, durchatmen. Großartig war’s. Die anderen sagen: Wart’ mal die furchtbare Aufregung bei deinem ersten Solosprung ab, wenn keiner hinter dir klebt und die Leine für dich zieht.

Erst auf dem Heimweg wird mir klar, dass ich Eberhard mein Leben anvertraut habe. Bald werde ich wieder springen. Mit ihm. Oder allein.

Preise: 160 bis 180 Euro, Info: take-off-Fallschirmsport, Telefon: 033 932 / 722 38, online: www.funjump.de

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