Berlin : Mit einer Pferdestärke nach Paris und zurück

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Die Peitsche streifte über die breiten Hinterbacken des Fuchswallachs, gemächlich setzte sich die Droschke Nr. 120 in Bewegung. Von Berlin nach Paris und zurück – es hatte schon sein Wahres, dass der knapp 69jährige Gustav Hartmann, der am 2. April 1928 zu seiner legendären Kutschfahrt aufbrach, unter Kollegen nur „der Eiserne“ hieß.

An Originalen hatte Berlin nie Mangel, der Eiserne Gustav ist eines seiner berühmtesten. Über die Motive der Fahrt kann man nur spekulieren. Sentimentalität, weil wegen der Motorisierung „das Pferdematerial in Aussterbeetat steht“, wie er an die Kutsche schrieb? Oder ein Beitrag zum Frieden mit dem „Erzfeind“ Frankreich? Oder doch nur Geschäftssinn? Vom Ullstein-Verlag jedenfalls hatte er 1000 Mark Vorschuss für seine Geschichte bekommen. Ein Reporter begleitete ihn. Und 10000 Karten mit seinem Konterfei hatte Hartmann auch dabei, zu erwerben für 20 Pfennig und schon an der französischen Grenze vergriffen.

Ein Jahr zuvor war in Paris der Atlantikflieger Charles Lindbergh als Pionier der Neuzeit gefeiert worden, jetzt wurde ein Fossil umjubelt, ein Überlebender der Vergangenheit, der einer widrigen Gegenwart trutzig die Stirn zu bieten schien. Hunderttausende säumten bald seinen Weg, die Fahrt wurde zum Triumphzug, der nach der Rückkehr am 12. September mit einer großen Gala des Ullstein-Verlags endete.

Danach geriet der Kutscher Hartmann in Vergessenheit und starb 1938. Im selben Jahr schrieb Hans Fallada den Roman „Der Eiserne Gustav“, der 1958 mit Heinz Rühmann und 1979 mit Gustav Knuth verfilmt wurde. ac

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