Mit Ersatzbussen und U-Bahn durch die Stadt : Tunnelsperrung: Gehen geht schneller

Die einen finden sich plötzlich in der Nahverkehrshölle wieder, für die anderen klappt alles wunderbar. Eine Rundfahrt entlang der gesperrten S-Bahn-Strecke zeigt: Morgens sind die Busse voll wie in Tokio und mittags schön leer. Welche Erfahrungen machen Sie?

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"S" wie Stau. Weil die S-Bahn nicht fährt, müssen Fahrgäste auf Busse ausweichen. Oder einfach laufen, was nicht immer langsamer ist.
"S" wie Stau. Weil die S-Bahn nicht fährt, müssen Fahrgäste auf Busse ausweichen. Oder einfach laufen, was nicht immer langsamer...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es war schon mal schlimmer. Der Berliner Verkehrsverbund, vermutlich das größte Schienenersatzverkehrsunternemen der Welt, hat große Schilder malen lassen und viele Mitarbeiter aufgeboten, um das Chaos durch die Sperrung des S-Bahn-Tunnels in Grenzen zu halten. Dennoch ist die Lage vor allem für Touristen und weniger vernetzte Gelegenheitsfahrgäste verworren. Und, vor allem: Wenn der Verkehr steht, steht auch der Bus, dem auf den beiden Ersatzstrecken keine Sonderspur hilft.

Die eiserne Grundregel lautet also: Berufsverkehr – vergiss es. Wer einmal versucht hat, am frühen Abend mit dem Bus beispielsweise von der Yorckstraße in Richtung Möckernstraße durchzudringen, der weiß: Gehen geht schneller. Da können noch so viele Busse in noch so dichten Abständen auf die Piste geschickt werden – bald quälen sie sich nach dem M29-Prinzip im Dreierpack durch die Gegend.

Außerhalb der Stoßzeiten funktioniert die Sache dagegen anscheinend recht gut. Mittags, Askanischer Platz, vor dem Deutschlandhaus: Der Bus kommt zufällig sofort, hat sogar Sitzplätze frei, kurvt in busüblichem Tempo durch Glinka-, Wilhelm- und Neustädtische Kirchstraße und kommt schließlich, pfff, vor dem Tränenpalast zum Stehen, zwölf Minuten, das ist okay.

Dort wartet auch ein Bus, der als Ziel „Alt-Heiligensee“ verspricht, aber den darf man offenbar nicht allzu ernst nehmen. Ein Mann in gelber Weste empfängt die Irrenden, zeigt ihnen den Weg zur U-Bahn oder zum nördlichen Teil des SEV, der ordentlich am Spreeufer nördlich der Friedrichstraße aufgebaut ist; auch gegen die Informationsschilder ist nichts einzuwenden.

Noch ein kleiner Stau vor der Komischen Oper

Die Rückfahrt läuft genauso glatt. Versprochen ist ein Fünf-Minuten-Rhythmus, nach vier Minuten ist der rote Bus, eine Leihgabe aus Ueckermünde, da und sortiert sich in die Friedrichstraße ein. Gleich hinter dem Bahnhof knickt die Fahrbahn etwas heftig, und zum Schwenk in die Dorotheenstraße muss der Fahrer weit ausholen, aber das passt schon.

Noch ein kleiner Stau vor der Komischen Oper, weiter zum Holocaust-Mahnmal – wer die Sache positiv sieht, der kommt hier zu einer kleinen Stadtrundfahrt, die die S-Bahn nicht bieten kann. 13 Minuten bis zum Askanischen Platz, planmäßig. Die Fahrer haben die Haltestellen sehr schön ausgerufen; dafür, dass viele Kollegen von den regulären Bussen offenbar keine Ahnung vom Ersatzverkehr haben und keine entsprechenden Fragen beantworten, können sie ja nichts.

Gedrängel in den U-Bahnen

Und natürlich sind ihre Ansagen nicht so heiter wie das, was Promis wie Marius Müller-Westernhagen, Frank Zander oder Katja Riemann gegenwärtig auf den Bahnhöfen der als Umfahrung nicht unwichtigen U2 verkünden – ein kleiner Überraschungseffekt in den Zeiten der totalen Drängelei. Die promifreie U6 bietet noch mehr Gedrängel. Am Abend ist der Bahnsteig Richtung Norden vollgestopft, der nächste Zug in zehn Minuten angekündigt. Und der ist dann nach Tokioter Art komplett vollgestopft. Zwei Minuten später fährt der nächste – schön leer.

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Der Bus kommt - aber wann?

FAHRPLAN

Fünf Minuten soll die Fahrt mit dem Ersatzbus von der Yorckstraße zum Anhalter Bahnhof dauern. Selbst am Sonntag, bei fast freien Straßen, benötigte der Bus neun Minuten. Ermittelt wurden die Vorgaben durch ein Abfahren der Strecke und einem zeitlichen Zuschlag, heißt es bei der Bahn. Immerhin: Zur Friedrichstraße soll es 17 Minuten dauern, tatsächlich waren es nur 20.

AUSKUNFT

In den elektronischen Auskunftssystemen sind die Ersatzbusse nicht zu finden. Sie sind meist von Unternehmen außerhalb von Berlin geliehen und haben keine Geräte zum Senden von Signalen an Bord. Da die Busse tagsüber alle drei bis fünf Minuten fahren sollen, sei eine exakte Angabe zur nächsten Abfahrt auch nicht dringend erforderlich, sagte ein Bahnsprecher.

TICKETS

In den Ersatzbussen werden auch keine Fahrscheine verkauft. Die Technik zu installieren wäre zu aufwendig. Anders als in den Bussen der BVG müssen den Fahrern im Ersatzverkehr die vorhandenen Fahrscheine nicht gezeigt werden. Wer nur den Ersatzbus nutzt, kann gratis fahren; beim Umsteigen ist dann aber auf jeden Fall der Kauf eines Tickets erforderlich.

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