• Mit Glühwein und Decke durchs Labyrinth Geglücktes Experiment mit mehreren Anläufen:

Berlin : Mit Glühwein und Decke durchs Labyrinth Geglücktes Experiment mit mehreren Anläufen:

Wie der Spreewald die Winterpause abschaffte.

Im Winter in den Spreewald? Bis vor einigen Jahren hätte die Frage nur Kopfschütteln ausgelöst. Schließlich lohnte sich der Ausflug in die rund 80 Kilometer südöstlich Berlins gelegene Region nur für Hartgesottene, die ihre Tagesverpflegung im Rucksack mitschleppen wollten. Die meisten Gaststätten jedenfalls waren dicht. „Betriebsurlaub“ stand auf den Schildern, die die Wirte und Hoteliers in der Regel Ende Oktober an ihre Tür hängten. Sie lebten von den Einnahmen im Sommer, während sie die Angestellten meist in die Arbeitslosigkeit oder in einen Gasthof in den Alpen vermittelten.

Dann kam ein Kahnfährmann in Burg auf die Idee, Fahrten für Touristen auch mal im November anzubieten. Die Skepsis seiner Berufskollegen, die ihre Kähne schon längst an Land gezogen und eingemottet hatten, kannte keine Grenzen. Hohn und Spott begleiteten die Versuche, Menschen bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt zu einer Rundfahrt durch den Spreewald zu überreden. Das Experiment ging tatsächlich schief, es fehlten ganz einfach die Touristen. Erst dessen Wiederholung vor und nach einer Silvesterfeier, für die ein Hotel seine Winterpause unterbrochen hatte, erwies sich als Volltreffer. Die Gäste schwärmten von unglaublichen Eindrücken beim sanften Gleiten übers Wasser, während der Fährmann sich über eine stattliche Summe freute, die er mit Glühwein, Tee und Schnaps verdient hatte.

Heute kennt der Spreewald keine Winterpause mehr. Die meisten Gasthäuser verzichten auf eine Schließung, kehren doch immer wieder Touristen ein. Schließlich haben sich die Freizeitangebote enorm erweitert. Dazu gehören die großen Bäder in Lübbenau und Burg mit ihren Saunadörfern, neue Hotels mit Saunen sowie Innen- und Außenpools, geführte Wanderungen mit Naturwächtern, Konzerte, Vorträge oder gastronomische Events – und natürlich Kahnfahrten.

Ein spontaner Test im großen Spreewaldhafen in Lübbenau beweist es. Zwar sind die Verkaufsbuden für Spreewaldgurken verwaist, aber dafür liegen gleich drei Kähne startklar am Steg. „Ich fahre auch nur mit einem einzigen Gast“, versichert der Fährmann, bevor er Wolldecken austeilt und Thermoskannen voll Kaffee und Glühwein sowie einen Korb mit kleinen Likör- und Schnapsflaschen auf den Tisch stellt. Dann greift er zum langen Ruder, mit dem er den etwa einen Meter entfernten Boden erreicht und den Kahn in Bewegung setzt. „Vor uns liegt das Paradies“, sagt er und lächelt gleich über seine Übertreibung. „Na ja, wo gibt es denn sonst 1000 Kilometer lange Wasserwege, von denen immerhin 400 Kilometer schiffbar sind?“ Im Winter beschränke sich seine Fahrtzeit allerdings auf im Schnitt eine Stunde. Die reicht aus, um eine ganz besondere Natur zu erleben, die dank der fehlenden Blätter weite Einblicke ermöglicht. Zum Aufwärmen geht es danach in ein schönes Lokal, das noch vom Sommer bekannt war.Ste.

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