Berlin : Mit Handy am Steuer: Schwerer Unfall auf dem Stadtring

Golf rammte bei Spurwechsel einen anderen Golf. Der Schuldige telefonierte weiter und fuhr davon. Das neue Gesetz zeigt kaum Wirkung

Jörn Hasselmann

Selbst als es bei Tempo 90 krachte, telefonierte der Golf-Fahrer ungerührt weiter – und fuhr davon. Ohne zu blinken oder sich umzuschauen, hatte der Mann am Mittwochabend auf der Stadtautobahn A100 die Spur von rechts zur Mitte gewechselt und dabei einen anderen Golf gerammt, der dann gegen die Leitplanke schleuderte. Der Unfall geschah um kurz vor halb acht zwischen den Anschlüssen Innsbrucker Platz und Detmolder Straße in Fahrtrichtung Nord. Der 26-jährige Fahrer erlitt eine schwere Kopfverletzung, seine 21-jährige Beifahrerin wurde leicht verletzt.

Die junge Beifahrerin hatte den Telefonierer direkt vor Augen, als sich die Fahrzeuge seitlich berührten. Ihr Freund bekam einen solchen Schreck, dass er das Steuer verriss und gegen die Mittelleitplanke schoss. Auch zwei andere Zeugen hatten beobachtet, wie der Golf-Fahrer ununterbrochen telefonierte – und sich das Kennzeichen des Berliner Fahrzeugs gemerkt. Der Fahrer verließ – noch immer mit der rechten Hand telefonierend – dann die Stadtautobahn an der Ausfahrt Detmolder Straße.

Die Polizei fahndete gestern vergeblich nach dem Halter des Wagens, er wurde an seiner Meldeadresse nicht angetroffen. Auch der auf der linken Seite beschädigte schwarze Golf des Baujahres 1990 wurde noch nicht gefunden. Wie es bei der Polizei hieß, könnte über die Mobiltelefonnummer des Fahrzeughalters der Gesprächspartner des Flüchtigen ermittelt werden. Er hat den Crash ja als Ohrenzeuge erlebt.

An einen ähnlich dreisten Telefoniersünder am Steuer kann sich die Berliner Polizei nicht erinnern. Seit dem 1. Februar 2001 ist Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung verboten – nachdem Unfallforscher bewiesen hatten, dass derart abgelenkte Fahrer ein 14-fach höheres Unfallrisiko haben. Derzeit kostet ein Verstoß 30 Euro (Radfahrer 15 Euro); Anfang kommenden Jahres soll das Bußgeld auf 40 Euro erhöht werden – bei dieser Höhe wäre automatisch ein Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei als zusätzliche Sanktion verbunden. Dies kündigte der Sprecher von Verkehrsminister Stolpe, Jürgen Frank, an.

Denn das Verbot wird so gut wie gar nicht beachtet – und kaum kontrolliert. So lange der Motor läuft, darf das Telefon nicht in die Hand genommen werden – auch nicht im Stau, vor der Ampel oder der Bahnschranke. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte das Telefonierverbot gleich zu Beginn als Fehlschlag kritisiert, da es wegen Personalmangels nicht flächendeckend kontrollieren werden könne. Das Risiko entdeckt zu werden sei für Mobil-Telefonierer ohne Freisprechanlage „gleich Null“. Der Gesetzgeber sollte aus GdP-Sicht vielmehr die Autohersteller verpflichten, alle Pkw mit Freisprecheinrichtungen auszustatten und das Telefonieren im Auto ohne eine solche Einrichtung durch Störsender unmöglich zu machen.

Rainer Paetsch von der Berliner Verkehrspolizei bestätigte, dass sich nur wenige Fahrer an die neue Vorschrift halten. „Dabei macht jeder, der telefoniert, Fahrfehler“, sagte Paetsch. Hauptproblem sei, dass nahezu jeder glaube, dass man telefonieren und sicher Auto fahren könne. Die Polizei könne jedoch nur sporadisch Schwerpunktkontrollen machen, sagte Paetsch. Monatlich gibt es etwa 1000 Anzeigen.

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