Berlin : Mit Helmholtzrap und guten Ideen in die Arbeitswelt

In der Gropiusstadt machen Schüler besondere Praktika. Ihre Lehrer erleichtern ihnen damit die Lehrstellen-Suche

Claudia Keller

Schulen machen sich fit für die Zukunft – und der Tagesspiegel ist dabei. Nach dem schlechten Abschneiden Berlins bei der Pisa-Studie besuchen wir Schulen, die Eigeninitiative groß schreiben. In der 16. Folge unserer Serie sind wir in der Helmholtz-Gesamtschule in Neukölln-Gropiusstadt.

Die Schule: Wie sieht es in einem „sozialen Brennpunkt“ aus? Das Hundeverbotsschild auf dem Rasen ist zweisprachig: türkisch und deutsch. Und wer unangemeldet kommt, steht vor dem verschlossenen Hoftor.

Randalierer sollen draußen bleiben. Im Schulhof fegen Jungs Laub zusammen, andere versorgen sich in der schuleigenen Cafeteria mit Brötchen. In den Innenhöfen auf dem weit verzweigten Schulgelände wuchern Gräser und Sträucher, in Hochbeeten Zucchinireste, daneben stapeln sich Blumentöpfe. In den lichtdurchfluteten Gängen des 70er-Jahre-Baus stehen Grünpflanzen, ein Terrarium mit Stechleguanen, eine Vitrine mit Lichtorgel, CD-Regal und CD-Uhr, die die Schüler der 10. Klasse im Fach Arbeitslehre gebaut haben. Die Waschbeton-Wände haben Jugendliche mit riesigen bunten Bildern bemalt.

Der Berufswahlpass: 37 Prozent der 700 Schüler sind nicht mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen, die meisten von ihnen sind Türken. Wenn sie nach der 10. Klasse die Schule mit Hauptschulabschluss verlassen, gehören sie nicht zu denen, auf die die Firmen unbedingt warten. „Also mussten wir was tun“, sagt Schulleiterin Hiltrud Rothaus. Seit fünf Jahren arbeiten die Lehrer mit den Firmen vor Ort und besonders mit der Wohnungsbaugesellschaft DeGeWo zusammen (siehe Aktuelle Frage). Krankenkassen-Mitarbeiter kommen in die Schule und zeigen, wie man Bewerbungen schreibt, mit dem Heimatverein Rudow haben Schüler die Ausstellung „40 Jahre Gropiusstadt“ recherchiert, beim Mieterfest der DeGeWo treten die Schulbands auf, und der Kunstkurs führt eine Modeschau auf. Karstadt am Hermannplatz hat zugesichert, dass die Schüler Dinge, die sie in der Arbeitslehre herstellen, im Kaufhaus auch verkaufen dürfen.

Damit die Schüler sich nicht erst zwei Wochen bevor sie die Schule verlassen, fragen, was danach kommt, hat die Helmholtz-Schule vor drei Jahren den „Berufswahlpass“ eingeführt: Jeder Schüler bekommt in der siebten Klasse einen DIN-A4-Ringbuch-Ordner, in dem er über vier Jahre seine Stärken und Schwächen aufschreibt und seine Ziele definiert, Praktikanachweise abheftet, seine Bewerbungsschreiben sammelt und detaillierte Beurteilungen der Firmen, in denen er hospitiert hat. Der Sinn ist, dass jeder frühzeitig mit der Planung seiner Zukunft beginnt und bewusst an dem Weg dahin arbeitet.

Die Helmholtz-Schüler absolvieren außerdem nicht wie üblich nur ein einziges, dreiwöchiges Praktikum in der zehnten Klasse. Ihr Praktikum ist in drei Teile geteilt: zwei Mal eine Woche in der neunten Klasse und einmal zwei Wochen in der zehn. So können sie sich jedesmal einen neuen Platz bei verschiedenen Firmen suchen und sind nicht gleich für immer enttäuscht von der Berufswelt.

Damit sie in den Betrieben nicht nur herumsitzen und Akten sortieren, müssen die Schüler Aufgaben lösen und zum Beispiel die Organisationsstruktur des Betriebes zeichnen oder herausfinden, woher die Mitarbeiter wissen, welche Arbeiten sie verrichten sollen.

Welche Besonderheiten gibt es noch? „Seit 1998 nehmen wir an allen Ausschreibungen teil, die es gibt“, sagt Rektor Rothaus. Und so verfügt die Schule über drei Computer- und Multimediaräume, jeder Klassenraum ist selbstverständlich ans Internet angeschlossen. Ungewöhnlich ist das Engagement der Lehrer, die sehr viel in Eigenarbeit herstellen oder von irgendwo her als Schnäppchen organisieren. Bei Musiklehrer Johann Thiem hat Jeanette Biedermann ihr musikalisches Rüstzeug gelernt. Vergangenes Jahr haben seine Schüler mit ihrem „Helmholtzrap“ den ersten Platz bei dem Siemens-Wettbewerb „Join Multimedia“ gewonnen.

Damit sich Streitereien nicht zu Gewaltexzessen ausweiten, bilden die Lehrer Schüler zu „Konfliktlotsen“ aus.

Was sagen die Schüler?

„Der Berufswahlpass bringt viel“, sagt Kathrin, „da muss man sich früh überlegen, was man will.“ Die 16-Jährige war gerade eine Woche lang bei der Polizei in Tegel und „ganz schön beeindruckt“, wie das hinter den Kulissen der Verpflegungsabteilung bei der Polizei zugeht.

Sie will später unbedingt Beamtin werden, am liebsten bei der Bundeswehr. Jonas weiß jetzt nach der Woche in einem Kindergarten, was er nicht werden will: Erzieher. Andere haben eine Woche bei Reichelt Regale eingeräumt, für sie hat sich der Traumjob Einzelhandel relativiert.

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