Berlin : Mit IQ 130 in zehn Jahren zum Abitur

Klaus Böger stellt Konzept für Hochbegabten-Förderung vor: mit Nachmittagsunterricht und Schnellläuferklassen

Susanne Vieth-Entus

Nach dreijähriger Vorbereitungszeit hat Bildungssenator Klaus Böger (SPD) gestern sein Konzept zur Förderung hoch begabter Schüler vorgestellt. Sie sollen zusätzlichen Nachmittagsunterricht erhalten, an Sommerakademien teilnehmen und schon in zehn oder elf Jahren das Abitur ablegen können. Außerdem wird das Überspringen von Klassenstufen erleichtert. Kritiker vermissen an dem Konzept einen vorschulischen Intelligenztest, um Hochbegabten eine jahrelange Unterforderung in der Schule zu ersparen.

Es geht in Berlin um rund 500 Kinder pro Jahrgang, die einen Intelligenzquotienten von über 130 haben. Sie sind als „höchstbegabt“ definiert. Hinzu kommen rund 1800 Schüler, deren IQ bei 120 bis 130 liegt. Auch sie gelten als überdurchschnittlich leistungsfähig. Ein Teil dieser Kinder kommt sehr gut durch die Schule. Bei anderen läuft es weniger glatt, weil ihre Begabung nicht erkannt wird und die dauernde Unterforderung zu Verhaltensproblemen führt.

Böger setzt darauf, dass die Grundschullehrer die Hoch- und Höchstbegabten möglichst in der ersten Klasse erkennen und dafür sorgen, dass diese Kinder gleich in die dritte Klasse wechseln können. Ab Klasse drei gibt es dann die Möglichkeit, in bis zu zwei Fächern den Unterricht der nächsthöheren Klassenstufe zu besuchen oder nochmals eine Klasse zu überspringen.

Eltern könnten aber auch versuchen, ihr Kind an eine der Grund- oder Oberschulen zu bringen, die vom Sommer an zusätzlichen Nachmittagsunterricht für „regionale Begabtengruppen“ anbieten. Beteiligt sind an diesem Schulversuch folgende Schulen: Reinickendorf /Wedding: Humboldt-Gymnasium und Schulfarm Insel Scharfenberg mit der Franc-Marc-, Renée-Sintinis-, Victor- Golancz- und Rehberge-Grundschule; Lichtenberg : Barnim-Gymnasium und Richard- Wagner-Grundschule: Zehlendorf: Arndt- Gymnasium und Erich-Kästner-Grundschule; Neukölln: Walter-Gropius- und Fritz-Karsen-Gesamtschule, Albrecht-Dürer- Gymnasium, Peter-Petersen-Grundschule.

Hochbegabte haben darüber hinaus die Möglichkeit, sich nach der vierten Grundschulklasse an einem Gymnasium mit „Superschnellläuferzug“ zu bewerben. Wie bereits berichtet, müssen sie sich dafür ab 2005 einem Intelligenztest und einem „standardisierten Schulleitergespräch“ unterziehen. Drittes Auswahlkriterium ist das Grundschulgutachten. Diese Schüler können dann nach elf Jahren das Abitur machen. Wenn sie bereits die Schuleingangsphase in nur einem Jahr geschafft haben, bedeutet das, dass sie nach zehn Jahren das Abitur haben. Ob die vorhandenen 754 Schnellläuferplätze reichen, hängt von der Zahl geeigneter Bewerber ab. Böger schloss nicht aus, dass im Notfall weiterhin gelost werden muss.

Damit sich die Superschüler in den großen Ferien nicht langweilen, können sie bereits 2004 an einer Sommerakademie auf der Schulfarm Insel Scharfenberg teilnehmen. Im Verbund mit der Humboldt-Universität gibt es für die 4. bis 6. Jahrgangsstufe vertiefende Kurse in verschiedenen Fächern.

Wohl aus Kostengründen unberücksichtigt blieb die Forderung von FU-Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen und den Hochbegabtenverbänden, eine Begabungsdiagnostik im Vor- und Grundschulalter sicherzustellen, um Förderbedarf zu erkennen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben