Berlin : Mit jedem toten Vogel wächst die Angst

In Berlin und Brandenburg wurden verendete Schwäne entdeckt. Heute soll sich herausstellen, ob sie an Vogelgrippe erkrankt waren

Sandra Dassler,Ralf Schönball

Der tote Schwan lag etwa vier Schritte vom Ufer entfernt auf der Eisfläche der Havel in Konradshöhe – und der Jogger zögerte nicht. Er rief sofort die Feuerwehr, gegen 13.40 Uhr ging die Meldung gestern bei der Polizei ein. Die sperrte den Bereich in Reinickendorf so lange ab, bis der Tierarzt den Schwan in einen Plastiksack gehüllt und zur Untersuchung ins Institut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen (Ilat) gefahren hatte.

„Ein verendeter Schwan ist nichts Ungewöhnliches“, sagt Jochen Hentschke, der Leiter der Infektionsdiagnostik im Ilat. „Aber die Menschen sind natürlich nach den Funden der mit Vogelgrippe infizierten Schwäne auf Rügen besonders sensibilisiert – und das ist auch angebracht.“

Hentschke hat mit seinen Mitarbeitern auch sofort mit der Untersuchung des Reinickendorfer Schwans begonnen, zu dem bald noch ein verendeter Artgenosse aus Köpenick hinzukam. Am heutigen Nachmittag sollen die Ergebnisse vorliegen. Allerdings werden die Wissenschaftler lediglich eine Aussage darüber treffen, ob die Tiere an Vogelgrippe erkrankt waren. Ein Nachweis des tödlichen H5N1-Virus kann nicht in Berlin, sondern nur durch das Nationale Referenzlabor auf der Insel Riems erfolgen. Hentschke hält dies zwar für unwahrscheinlich, rät aber trotzdem zu Vorsicht im Umgang mit jeglichem Federvieh: „Eltern sollten ihre Kinder darauf hinweisen, dass sie tote Tiere generell nicht berühren. Und mit Kleinkindern muss man derzeit wirklich nicht unbedingt dahin gehen, wo Höckerschwäne gefüttert werden.“

Hentschke und andere Experten warnen vor Panikreaktionen, können aber beispielsweise nicht ausschließen, dass Kinder sich auch über die Berührung des Gefieders oder auch einzelner Federn anstecken. „Alle Zugvögel reinigen ihr Federkleid mit dem Schnabel“, sagt der Direktor des Landeslabors Brandenburg, Roland Körber: „Das Virus wurde vor allem im Schnabel und im Kot nachgewiesen. Wenn es in hoher Konzentration an den Federn haftet, könnte es theoretisch auf ein Kleinkind, das nach der Berührung seine Finger in den Mund nimmt, übertragen werden.“

Auch die Senatsverwaltung für Gesundheit warnt die Bevölkerung eindringlich, „tote Tiere auf keinen Fall anzufassen und auch keine Federn aufzusammeln.“ Ab dem morgigen Freitag besteht für die 7000 in Berlin lebenden Nutz- und Ziervögel ohnehin die Stallpflicht. Für Bürger ist die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken gering, so die Einschätzung der Senatsverwaltung für Gesundheit. Am ehesten bestehe sie für Tierärzte, Schlachtpersonal, Geflügelhalter oder Jäger, weil diese Personen unmittelbar mit Vögeln in Berührung kommen. Im Berliner Tierpark ist ein Großteil der rund 3000 dort untergebrachten Vögel derzeit ohnehin noch in den Volieren, berichtet Kurator Martin Kaiser. Die größte Gefahr einer Ansteckung gehe allerdings von „Hausbeständen“ aus der Türkei beispielsweise aus, sofern befallene Tiere nach Deutschland eingeführt werden.

Ansonsten, heißt es bei den Behörden, sei man in Berlin auf den – als unwahrscheinlich geltenden – Ausbruch der Vogelgrippe bestens vorbereitet. Sogar ein „operatives Tötungsteam“ mit vier Veterinären stehe bereit, um – mit Schutzanzügen ausgestattet – infizierte Tiere zu beseitigen. Auch in Brandenburg liegen die Notfallpläne griffbereit. Dort wurden gestern neun tote Schwäne gefunden – vier in Karwe bei Neuruppin sowie fünf in der Prignitz. Die Tiere wurden zur Untersuchung mit speziellen Transportfahrzeugen in ein Potsdamer Labor gebracht.

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