Berlin : Mit Kennedys Tod versank die Stadt in Depression

Wie ein West-Berliner die Nachricht aus Dallas aufnahm

Christian van Lessen

Sich an Trauriges zu erinnern, will so schwer fallen. Wer damals in West-Berlin Schüler oder Schülerin ist, schwärmt für Kennedy. Er wirkt so jung und gerecht wie kein anderer Politiker. Es ist schulfrei, als er am 26. Juni nach Berlin kommt – ein unglaubliches Volksfest. Dann, kaum ein halbes Jahr später, das Unfassbare: Freitagabend, während der Rias-„Schlager der Woche“, die Meldung vom Attentat auf das Idol. Umschalten zum AFN, da singt noch Bob Dylan: „Don’t Think Twice, Its Allright.“ Dass so was haften bleibt . . .

Kennedy! Attentat! Erschossen! Verwandte und Bekannte rufen sich an, Schüler untereinander, suchen Trost, hören immer wieder die neuesten Nachrichten im Radio. Zehntausende Berliner strömen, wie angezogen, zum Rathaus Schöneberg, wohin sonst? Das ist „sein“ Platz. Bis nach Mitternacht haben sich hier 70 000 Menschen versammelt. „Berlin hat einen Freund verloren“, sagt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt, und seinen Worten ist anzumerken, wie bewegt er ist. Die ausgelegten Kondolenzlisten reichen nicht aus. Brandt bittet alle Berliner, am nächsten Abend Kerzen in die Fenster zu stellen. Aber Kerzen leuchten schon an diesem Abend überall in den Fenstern. Es ist die stille Übereinkunft, Trauer zu zeigen. Vorm Rathaus haben sich Tausende von Studenten versammelt, die zuvor einen Trauerfackelzug organisiert hatten. Am frühen Abend ist der internationale Studentenball im Hilton nach der Attentatsmeldung sofort abgebrochen worden. Wie fast alle Theater- und Opernaufführungen. Das Schiller Theater bittet die Gäste, den Saal schweigend zu verlassen. Die Stadt versinkt in einer tiefen Depression. Viele finden keinen Schlaf.

Am nächsten Morgen findet der Lateinlehrer kein Wort der Trauer, will ungerührt Vokabeln abfragen. Sofort steht eine Schülerin auf und sagt, mit Tränen in den Augen:„Kennedy ist ermordet worden, wir sollten aufstehen und gedenken!“ Der Lehrer guckt überrascht und schämt sich. Die Klasse steht auf, einige Schüler beten. Auch solche Momente bleiben haften.

Am folgenden Montag kommen 250 000 Menschen zur Trauerkundgebung vors Schöneberger Rathaus, die Tribüne ist schwarz verkleidet, die Fassade zeigt ein großes Kennedy-Porträt. Menschen weinen, die Freiheitsglocke läutet.

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