Berlin : Mit Lautsprechern gegen Hütchenspieler

Polizei, Händler und Hotels warnen gemeinsam vor den Banden am Alexanderplatz

Jörn Hasselmann

Von Jörn Hasselmann

Am Sonntag wurden die Lautsprecher am Alexanderplatz schon einmal zum Test eingeschaltet: „Lassen Sie sich nicht betrügen. Nehmen Sie nicht am Hütchenspiel teil. Sie haben keine Chance zu gewinnen.“ Die Hütchenspieler müssen gemerkt haben, dass nicht mehr nur die Polizei hinter ihnen her ist. Am Abend waren die Kabel der Lautsprecher am Fernsehturm von Unbekannten durchgeschnitten.

Polizei und Geschäftsleute rund um den Alexanderplatz mobilisieren jetzt auf andere Weise gegen Hütchenspieler als in den vergangenen Jahren. Sie setzen auf massive Aufklärung der Touristen – denn nur sie fallen auf den simplen Trick der jugoslawischen Banden herein und verlieren in Sekundenschnelle 50 Euro. Das Spiel geht so: Auf einem kleinen Teppich am Boden liegen drei Streichholzschachteln mit der Öffnung nach unten. Unter einer liegt eine kleine Kugel. Nun schiebt der Spieler die Schachteln schnell und mehrfach durcheinander. Wer aufmerksam genug ist, kann hinterher sagen, wohin die Schachtel mit der Kugel gewandert ist – glaubt er. So sieht er es bei den Lockvögeln. Diese „Anreißer“ führen das Spiel schön langsam vor. Sie gehören zur Bande, manchmal sind es junge Mädchen, manchmal auch Deutsche, die nicht zur Bande gerechnet werden. Sie setzen zum Schein 50 Euro, dann werden die Schachteln verschoben, der „Spieler“ rät die richtige Schachtel – und gewinnt zum Einsatz 50 Euro dazu. Der Tourist denkt: „Das kann ich auch.“

Kann er aber nicht. Wie viele Touristen Opfer werden, vermag die Polizei nicht zu schätzen. Anzeigen gibt es nur recht wenige, ein Dutzend etwa pro Monat im Polizeiabschnitt 32, zu dem der Alexanderplatz gehört – seit Jahren der Lieblings-Spielplatz der Hütchenspieler. Doch die meisten Touristen schämen sich – so wie der türkische Polizeioffizier, der im vergangenen Sommer in Mitte gleich 500 Euro verlor. Das hat auch Auswirkungen auf den Tourismus. Derartig geneppt, sagen sich manche Berlin-Besucher, nie wieder in die Stadt kommen zu wollen. „Wir haben seit einem Jahr ein massives Problem am Alex“, sagte Natascha Kompatzki von der Berlin-Tourismus-Marketing-Gesellschaft (BTM): „Viele Touristen haben sich beschwert bei uns.“ Die BTM kann das Problem gut beurteilen; ihr Büro liegt am Fuße des Fernsehturmes am Alex. Vor Monaten meldete sich die Tourismus-Gesellschaft bei der Polizei, und diese brachte jetzt sämtliche Anlieger des Platzes zusammen. Warnungen gibt es per Lautsprecher im Bahnhof und vom Fernsehturm herab sowie auf den Leuchtanzeigen der BVG. In den Geschäften hängen Plakate, an Hotelrezeptionen liegen sechssprachige Broschüren der Polizei aus. Der Polizeiabschnitt 32 will in den nächsten Monaten eine Doppelstreife auf dem Alex postieren, die Touristen ansprechen sollen.

„Wie waren mit unser polizeilichen Arbeit nicht erfolgreich“, resümierte der stellvertretende Leiter der Polizeidirektion 3, Harald Kussack. Man fange die Spieler und müsse sie am nächsten Tag wieder laufen lassen, da der Betrug so gut wie nie beweiskräftig zu dokumentieren sei . Am nächsten Tag spielten sie wieder auf dem Alex. Zudem seien die Zivilpolizisten bei den Spielern alle bekannt, sagt Kussack. Gerne würde Kussack den aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Spielern das Geld aus der Tasche ziehen. „In Frankfurt am Main ist Hütchenspiel per Polizeiverordnung verboten. Das kostet 500 Euro Strafe. In Berlin ist das leider nicht möglich“, sagte Kussack.

Die Innenverwaltung teilte mit, dass die Gesetzeslage ausreiche, die Aufnahme ins Polizeigesetz wie in Frankfurt sei nicht notwendig. Die Behörde verwies auf ein Urteil des Amtsgerichts Tiergarten von 1994, das einen Hütchenspieler zu elf Monaten wegen Betruges verurteilt hatte. Doch die Polizei konterte: Seitdem sei in Berlin kein zweiter Spieler verurteilt worden, da den Gerichten die Beweise gefehlt hätten.

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