Berlin : Mit Malefiz gegen den Krieg

Friedenscamp-Initiatoren Unter den Linden wollen bis zum Ende der Kämpfe ausharren

Frauke Herweg

Links und rechts brandet der Verkehr, in der Mitte, auf dem Grünstreifen von Unter den Linden, spielen Hare-Krishna-Jünger mit Harmonium, Bongos und Schellen gegen den Lärm an. Seit den frühen Freitagmorgenstunden harrt das Friedenscamp auf der viel befahrenen Straße aus – mit Zelt und Schlafsäcken nur wenige Meter von den Absperrungen der amerikanischen Botschaft entfernt.

Trotz ständig heftiger werdender Bombardements in Bagdad und Basra sei die Stimmung unter den rund 20 Friedensaktivisten „unheimlich gut“, sagt Greenpeace-Sprecher Bernhard Müller. Ohnmächtig angesichts des fortschreitenden Krieges fühle er sich „keineswegs“, sagt der 38-Jährige. „Wir tun unsere Meinung kund. Das ist keine Position der Hilflosigkeit.“

Die Idee fürs Camp kam den Friedensaktivisten „ganz spontan“. Eigentlich hatten Greenpeacemitglieder in der Nacht zum Freitag an dieser Stelle nur eine Mahnwache abhalten wollen – mit einem eigens angefertigten Friedenszeichen und einer Friedensglocke. „Dann schlossen sich uns plötzlich ganz viele Leute an“, sagt Müller. Und die Idee für das ständige Camp war da. „Wir setzen ein Zeichen“, hofft Müller. Selbst das amerikanische Fernsehen habe bereits Bilder vom Camp gezeigt.

Müller richtet sich darauf ein, dass das Camp „solange der Krieg eben geht“ auf dem Boulevard bleibt. „Längst ist klar geworden, dass dieser Krieg eine sehr schmutzige, sehr langwierige Sache sein wird.“ Alle vier bis sechs Stunden wechselt sich Müller mit anderen Greenpeace-Aktivisten ab, fährt in das Geschäftsbüro in der Chausseestraße, um zu duschen und sich auszuruhen. Denn an Schlaf ist bei den nächtlichen Mahnwachen nicht zu denken. Es ist schlichtweg zu kalt. Trotz dickem Anorak und Thermo-Overall.

Peter Stößinger hat in der vergangenen Nacht trotzdem ein wenig geschlafen. Auf einem Stuhl nickte der 64-jährige Maler für einige Stunden ein. Am Abend zuvor hatte er sich mit den anderen bei einem Feuertanz warm getanzt. Wenige Meter neben dem Plakat, an dem Stößinger gerade malt, hat die Schriftstellerin Eleonore Britta Marx ihr Hab und Gut ausgebreitet. Postkarten, Haarklammern, Stofftiere und ein Malefiz-Spiel liegen in der Sonne – als Geschenk für Vorbeigehende. „Alles ist unser“, erklärt die 23-Jährige ihre Philosophie. „Wenn wir alles teilen, gibt es auch keinen Krieg.“

Bei den meisten Spaziergängern stößt das bunte – und inzwischen etwas angestaubte – Häufchen auf wohlwollendes Interesse. Touristen fragen vorsichtig, ob sie sich vor dem Peace-Zeichen fotografieren lassen dürfen, einige bleiben stehen, hören den Hare-Krishna-Jüngern zu. „Lediglich einige ältere Berliner, die noch immer glauben, wir seien den Amerikanern zu Dank verpflichtet, haben ihr Unverständnis geäußert“, sagt Greenpeace-Sprecher Andreas Bernstorff. Der Rest sei jedoch begeistert. „Wir sind Teil einer weltweiten Friedensbewegung“, sagt Bernstorff selbstbewusst. „Größer als die Ostermarschbewegung der 70er und 80er Jahre.“

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