Berlin : Mit Maus und Mut

Bildungsexperten kritisieren die Qualität der Spracherziehung in Kitas. Aber wie sieht die im Alltag eigentlich aus? Besuch in vier Berliner Einrichtungen.

von und Lena Guntenhöner
Spielerisch lernen. Nicht nur Kinder mit ausländischen Eltern brauchen Unterstützung beim Spracherwerb. Erzieherinnen berichten von Defiziten, weil in manchen deutschen Familien mit dem Nachwuchs zu wenig geredet wird. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Spielerisch lernen. Nicht nur Kinder mit ausländischen Eltern brauchen Unterstützung beim Spracherwerb. Erzieherinnen berichten...

Die Maus will ihren Mut beweisen. Also taucht sie durch einen Teich. Acht Vier- und Fünfjährige hören gespannt der Geschichte zu, die die Erzieherin vorliest. Immer wieder unterbricht sie, um eine Frage zu stellen: „Wie heißt das, wenn man unter Wasser schwimmt?“ Die Kinder kommen nicht gleich drauf. „Tauchen“, wiederholt die Erzieherin. Meric fällt eine Geschichte ein: „Ich bin mal mit offenen Augen durchs Columbiabad getaucht.“ Und dann diskutieren sie mit der Erzieherin darüber, was Mut ist. Auch wenn manchmal noch das richtige Wort oder der richtige Artikel fehlt – die meisten können sich gut ausdrücken. Dabei ist Deutsch für kaum eins der Kinder in der Awo-Kita „Du und ich“ in Neukölln die Muttersprache. 90 Prozent der Kinder hier wachsen zwei- oder dreisprachig auf. Deutsch lernen sie fast immer erst außerhalb des Elternhauses.

Die Frage, ob ihr Deutsch und das der anderen Berliner Kitakinder gut genug ist, bewegt seit Jahren die Bildungsexperten. Die „Sprachstandsfeststellung in Kitas“ der Bildungsverwaltung kam 2011 zu eher bedenklichen Ergebnissen: Knapp eineinhalb Jahre vor ihrer Einschulung sind damals rund 27 000 im Jahr 2006 geborene Berliner Kinder von ihren Erzieherinnen getestet worden. 17 Prozent wurde dabei ein Sprachförderbedarf attestiert. Das bedeutet, dass sie nicht genug Deutsch können, um in der Schule zu bestehen. Und dass, obwohl viele von ihnen mehr als zwei Jahre eine Kita besucht haben. In Bezirk Neukölln waren die Ergebnisse am schlechtesten. Bildungsexperten kritisierten daraufhin das Kita-Konzept der damaligen rot-roten Regierung, die das letzte Kitajahr gebührenfrei machte. Grünen-Bildungsexperte Öczan Mutlu bemängelt die Qualität der Kitas.

Die Erzieherinnen der Kita „Du und ich“ sind ärgerlich, dass ihre Arbeit so infrage gestellt wird. Sie haben das Gefühl, erfolgreich zu sein. Immerhin sei der Prozentsatz an Kindern mit Förderbedarf in den letzten sieben Jahren zurückgegangen. 2005 waren es noch knapp 25 Prozent in Berlin. Und eigentlich sei die Sprachstandsfeststellung nur eine Art Zwischenbilanz und dazu da, zu planen, was bis zum Schulanfang bei einem Kind noch gemacht werden müsse, sagt Kitaleiterin Saupe: „Wir gehen auf die Schwächen jedes einzelnen Kindes ein. Sprachförderung steht bei uns ständig im Mittelpunkt. So achten die Erzieherinnen darauf, dass die Kinder ihre Bedürfnisse selbst formulieren.“ Es gibt keine festen Gruppen. Die Kinder können auf der Etage herumlaufen. Wenn sie fragen, dürfen sie allein in ein anderes Stockwerk: „Je selbstständiger Kinder sein dürfen, desto mehr sprechen sie.“

Auch im Morgenkreis wird Sprache trainiert – ohne dass die Kinder es merken. „Wie machen die Wischer vom Bus?“, singt die Erzieherin. Die Kinder wedeln mit den Armen und singen: „Die Wischer vom Bus, die machen wischwischwisch.“ Alle bis auf die zweieinhalbjährige Olga (Name geändert) mit den drei winzigen Zöpfen. Sie ist gerade erst in die Kita gekommen und kann kaum Deutsch. Zu Hause spricht sie russisch. „Als Erstes wird sie die Gesten mitmachen. Über die Bewegung verstehen die Kinder, was sie singen“, sagt Saupe. In der Anfangszeit gehe es vor allen darum, dass Olga eine stabile Beziehung zu ihrer Bezugserzieherin aufbaue. „Dann wird sie es locker schaffen, bis zur ersten Klasse deutsch zu sprechen.“ Immer, wenn es gerade passt, wird die Erzieherin mit Olga Fingerspiele machen oder Rollenspiele in der Puppenecke.

Bei sieben von 27 getesteten Kindern der Kita „Du und ich“ haben die Erzieherinnen einen Sprachförderbedarf festgestellt. Die Gründe dafür seien sehr unterschiedlich. Daran, dass die Kinder untereinander zu wenig deutsch sprechen, liegt es ihrer Meinung nach nicht. „Es ist gut, wenn sie manchmal ihre Muttersprache untereinander sprechen, am Anfang, wenn ihnen noch deutsche Wörter fehlen“, sagt Saupe. Man dürfe Kindern nie suggerieren, dass ihre Muttersprache etwas Schlechtes sei.

In anderen Neuköllner Kitas wird dagegen ausschließlich Deutsch gesprochen, etwa in der Fipp Kita an der Warthestraße und der Kita Knallerbsen. Wenn Kinder ihre Muttersprache benutzen, schaltet sich die Erzieherin ein. Auch Eltern dürfen keine Ausnahme machen, wenn sie die Kinder abholen. Aber: „Wenn Eltern mit ihren Kindern falsches Deutsch sprechen oder verschiedene Sprachen mischen, sind die Fehler in der Kita nur schwer rauszukriegen“, sagt Simone Grocholewski von der Kita Knallerbsen. Und dann sei da noch das Problem der sozialen Struktur in Neukölln, wo man im Alltag ohne Deutsch auskomme. „Das kann dazu führen, dass Eltern nicht die Notwendigkeit sehen, dass ihr Kind gut Deutsch sprechen lernt", sagt Ines Fichtner, Leiterin der Fipp Kita.

Allerdings verändert sich jetzt die Bevölkerung Neuköllns. Einkommensschwache ziehen in die Randbezirke – etwa nach Marzahn-Hellersdorf. Auch dieser Bezirk hat bei der „Sprachstandsfeststellung in Kitas“ besonders schlecht abgeschnitten – obwohl hier nicht so viele Kinder leben, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. In der Kita Kunterbunt in Marzahn sind es weniger als 40 Prozent. Bei 11 von 50 getesteten Kindern wurde hier dennoch ein Sprachförderbedarf festgestellt. Nur drei von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Aber neun der elf seien wegen Sprachstörungen in logopädischer Behandlung, sagt Kitaleiterin Ellen Hoffmann.

In der Vorschulgruppe wird gerade ein pädagogisch wertvolles Lied gesungen: „Alle Kinder lernen lesen, auch Indianer und Chinesen. Eu, sagt die Eule, sind die Mäuse heute scheu.“ Anna, deren Mutter aus Vietnam stammt, kann den Text besonders gut. Der fünfjährige Jackson (Name geändert), ohne jeden Migrationshintergrund, weniger. Er sei kontaktscheu und konnte lange gar nicht sprechen, sagt die Erzieherin. Oft lägen Defizite in deutschen Familien daran, dass Eltern zu wenig mit den Kindern reden, sagt Hoffmann. Aber es gebe auch Eltern, die zu viel von Kindern forderten und sie dadurch blockierten. Zwar gibt es Kinder aus sozial schwachen Familien in der Kita Kunterbunt – aber nicht in der Überzahl: „Wir haben die ganze Bandbreite der Gesellschaft.“

Eigentlich bräuchten normal entwickelte Kinder keine speziellen Sprachförderstunden, sagt Hoffmann: „Weil sie hier permanent gefördert und animiert werden. Aber wir machen für diejenigen mit Förderbedarf zusätzliche Angebote, damit sie aufholen können.“ Etwa gezielte Sprachspiele: Fünf Vier- und Fünfjährige sitzen um ein Brettspiel herum. Ein Mädchen im rosa Kleid, deren Eltern aus Vietnam stammen, muss gerade eine rot umrandete Karte ziehen. Das bedeutet: reimen. Drei Bildchen sind auf der Karte zu sehen. Aber welche beiden gehören zueinander? „Na, was reimt sich auf Turm – Wurm oder Schaf?“, fragt die Erzieherin. Die Kleine überlegt eine Weile. Schließlich lächelt sie schüchtern – und zeigt auf den Wurm.

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