Berlin : Mit Phileas Fogg zum Elefanten-Gott

Eine Gastronomin inszeniert in den Museen Dahlem eine lukullische Reise „In 80 Tagen um die Welt“

Christoph Stollowsky

Hat das Kaninchen nicht zufällig miaut, bevor es in den Kochtopf kam? Phileas Fogg schaut das abscheulich schmeckende Frikassee misstrauisch an. In Bombays Gasthöfen sollen hin und wieder auch Katzen in der Küche auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Doch seine 40 Berliner Begleiter können unbesorgt sein: Auf ihrer literarisch-lukullischen Reise in 80 Tagen um die Welt im Tross des Lords und seines Dieners Passepartout serviert man ihnen in den Museen für Kunst und Kulturen der Welt an der Dahlemer Lansstraße ein echtes indisches Kaninchengericht. Man will sie ja bei guter Laune halten. Schließlich sind sie auch die Vorhut auf dem Weg in eine neue spannende Museumswelt mit Aktionen und Anregungen für alle Sinne.

An acht Samstagen ziehen die Weltreisenden mit dem Schauspieler Paul Sonderegger alias Phileas Fogg durch die Ausstellungssäle von Asien bis Amerika, er liest an Ort und Stelle die passenden Kapitel aus Jules Vernes Roman vor – und obendrein schlemmt sich die Reisegesellschaft um den Globus: Das Museumsrestaurant „eßkultur“ bereitet für sie die jeweils landestypischen Menüs zu, mit denen sich auch Fogg bei Kräften hält.

Kleinere Snacks gibt es an der Strecke. Zum Beispiel Mangostanen am Rande der Sammlung für indische Kunst. Dazu lässt sich die Gruppe auf ihren Klappstühlen nieder, die sie im Reisegepäck mitschleppt, und kostet nach Jules Vernes Anleitung das sirupsüße Fleisch der seltenen Tropenfrüchte.

Angesichts der Hafenstadt Al Mukah oder Mokka am Roten Meer, der Namensgeberin des schwarzen Getränks, wird türkischer Mokka gereicht; auf hoher See vor San Francisco erhält jeder wie Fogg und Passepartout eine original Honkonger Schweinefleischdose und darf sie später im Restaurant öffnen. Eine exotisch gewürzte Speise wird daraus gekocht. Und vor dem Start der ersten Etappe kommt „scharlachrotes Roastbeef“ auf den Teller, das übliche Mittagessen im Club der Londoner Lords.

„Um 19.25 Uhr verabschiedete sich Fogg von seinen Whistpartnern und verließ den Reform-Club“, liest Paul Sonderegger am ersten Sonnabend. Den verbringt man noch im Restaurant. Doch kaum verlässt der Lord Europa, setzt Sonderegger die Geschichte in den außereuropäischen Sammlungen fort. Seine Zuhörer haben alle acht Etappen gebucht, nun macht es sich der Schauspieler neben dem Reisethron des chinesischen Kaisers zur Lesung bequem, rezitiert mal im Südsee-Kanu, im Schneidersitz vor einem Sioux-Tipi oder neben dem Gott mit dem Elefantenkopf.

Organisiert hat das Reise-Abenteuer die Pächterin des Museums-Restaurants, Birgitt Claus. Die 40-jährige Ernährungswissenschaftlerin geht der Frage nach: „Wer isst in der Vergangenheit und Gegenwart wie, was, wann, wo, mit wem und warum? Am liebsten würde sie in Dahlem eine Dauerausstellung zur Esskultur schaffen, doch solange das nicht möglich ist, lockt sie mit ihren Aktionen Besucher jeden Alters an, die ansonsten kaum ins Museum kämen.

Sonntagmorgens gibt es im orientalischen Zelt ein Märchenfrühstück mit Lesungen aus 1001 Nacht; sonntagnachmittags Weltmusik mit internationalem Büfett. Und alle 14 Tage „Literatur zum Essen“ – ein Menü, das auf die jeweilige Lesung abgeschmeckt ist. Zu „höllischen Geschichten“ wird beispielsweise ein Satansbraten im Feuertopf serviert.

Und wer mit „eßkultur“ rund um die Welt reist, erhält auch ein Rezeptheft mit Gerichten aus dem Roman sowie eine Anleitung zum Whist-Spiel. Danach kann er erst mal die Schulter lockern. Denn auf jeder Etappe schleppen die Teilnehmer eine Standuhr kreuz und quer durchs Museum. Damit sie pünktlich nach London zurückkehren.

Telefonische Infos unter: 68089344, im Internet: www.esskultur-berlin.de

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben