Berlin : Mit Polizist zur eigenen Wohnung

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Große Ereignisse fangen immer ganz klein an. Mittwoch wars wohl, da luden sie rasselnd diese rot-weißen Gitter vom Lastauto, rings um unser Wohnhaus in der Behren-/Ecke Wilhelmstraße. Obwohl die Absperrgitter die Farben meines Fußballvereins haben, kann ich ihnen nur mit großer Skepsis begegnen: Sie deuten an, dass, wenn die Gitter voll zur Entfaltung kommen, unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, weil wir hohen Besuch bekommen, aber ich keinen Besuch bekommen darf. Wir haben ja da so unsere Erfahrungen. Vor Jahren, als Bill Clinton hier war und uns am Brandenburger Tor Einheits-Mut machte, indem er uns zurief: „Alles ist möööglich!“ – da starrten maskierte Scharfschützen vom Dach des Hotels Adlon auf der anderen Straßenseite in unsere Schlafzimmer, die zu erreichen zeitweise den Bewohnern solch neuralgischer Punkte verwehrt ward.

Nun kommt Schorsch Dabbeljuh.

Donnerstag hängt im Hausflur ein Schreiben der Wohnungsbaugesellschaft, der den Mietern der Häuser Wilhelmstraße 73 - 81 den ganzen Ernst der Lage vor Augen führt. „Der Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika macht strenge Sicherheitsmaßnahmen durch die Polizei erforderlich: Der Bereich ab Höhe der verlängerten Französischen Straße Richtung Unter den Linden wird komplett abgesperrt“. Viel mehr noch: „Es werden Personen- sowie Taschenkontrollen durchgeführt“. So. Und dann werden wir Anwohner „nach Vorlage des Personal- und Diplomatenausweises oder der Anmeldebescheinigung zur Wohnung geleitet, das trifft auch auf Besuch zu“. Oh, Mister President, what a Chance! Hatten wir uns nicht schon immer mal so etwas wie Polizeischutz gewünscht? Ob man sich den Freund und Helfer aussuchen kann? Darf es vielleicht auch eine dieser schönen Polizeischützerinnen mit dem Pferdeschwanz sein? Wie weit darf das gehen? Wo hört der Geleitschutz auf? Vor der Haus- oder vor der Wohnungstür? Darf ich den Pferdeschwanz für seine anstrengende Hilfsdienstleistung zu Kaffee und Kuchen einladen?

In dieser Zeit sind, so heißt es weiter im Text, keine Möbeltransporte und Müllabholung durch die BSR möglich. Weiterhin wird die Behrenstraße komplett gesperrt. Ursprünglich sollten dort sämtliche Anwohner-Parkplätze geräumt werden, nun dürfen die Autos angemeldeter Bewohner stehen bleiben – wenn sie raus fahren, kommen sie nicht wieder rein. Im übrigen möchte sich die Wohnungsgesellschaft schon heute für alle „unvorhersehbaren Probleme“ entschuldigen. Danke im Voraus!

Die Geschäftsleute an der abgesperrten Strecke und auf dem Pariser Platz rechnen damit, dass sie und ihr Personal mit Polizeischutz an den Ladentisch geleitet werden. Das italienische Restaurant Viale dei Tigli hat an den Bush-Tagen wie immer von elf Uhr 30 bis 24 Uhr geöffnet, aber es kann schon sein, dass die Kundschaft hauptsächlich aus hungrigen Sicherheitskräften besteht.

Die ersten Vorboten sind schon da. Man hat ihnen sogar ein blaues Tolli-Häuschen hingestellt. Sie sitzen in einem Auto der Security-Abteilung der Firma Dussmann und bewachen das Ödland, auf dem dereinst die US-Botschaft entstehen wird. Wahrscheinlich wird der Präsident – wie jeder seiner Vorgänger – das Grundstück am Brandenburger Tor inspizieren, weshalb wird es sonst bewacht? Ich wollte gestern über die Brache zum Pariser Platz schlendern, als ein kräftiger Mensch in der Uniform eines Sheriffs aus dem Auto geschossen kam und mir bedeutete, doch bitte außen herumzugehen, „sorry, nur für ein paar Tage“. „Ach, wohl wegen Ihres Herrn Bush?“ stelle ich mich doof, und er antwortet: „Oh, Mister, das ist nicht mein Herr Busch“.Lothar Heinke

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