Berlin : Mit Rauschebart und ALG-II-Bescheid

Mützen, Spiele, Süßigkeiten: In Spandau hat ein Weihnachtsmarkt für Arbeitslose eröffnet

Rainer W. During

Der Bratwurstgrill dampft ebenso wie der Teekessel. Die Berliner Tafel sorgt für das leibliche Wohl auf dem Industriegelände am Spandauer Zitadellenweg. An 15 Ständen werden Adventsgestecke und Geschenke, von der Pudelmütze über Spiele bis zum Fahrrad angeboten. Nur die Besucher waren noch etwas spärlich, beim Auftakt des ersten Weihnachtsmarktes speziell für Arbeitslose und Bedürftige. Noch bis zum 22. Dezember gibt es in Spandau Schnäppchen unter dem Motto „Hartz und herzlich“.

Die Verkäufer waren selbst bis vor kurzem arbeitslos und sind jetzt bei der gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft Goldnetz angestellt. Der ist mit seiner Idee beim Spandauer Jobcenter auf offene Ohren gestoßen. 100 ALG II-Empfänger haben hier eine vorübergehende Tätigkeit gefunden – selbst der Weihnachtsmann.

Detlef Minner heißt der Mann mit dem weißen Bart und dem roten Mantel, der kleine Geschenke verteilt. Zuletzt hatte der gelernte Einzelhandelskaufmann im Spandauer Obdachlosenheim gearbeitet. Seit selbst dort vor zweieinhalb Jahren das Personal reduziert werden musste, war der 51-jährige Haselhorster arbeitslos. Bei Goldnetz verteilt er nicht nur als Weihnachtsmann kleine Geschenke, sondern verwaltet auch das Lager. „Besser als zu Hause zu sitzen, hier bin ich unter Menschen“.

Seine Mitstreiter haben seit Mitte Oktober Spenden von Firmen und Privatleuten eingesammelt und aufpoliert oder selbst Geschenke gebastelt. Betonbauer Heinz Lücke und Großhandelskaufmann Andreas Weiß sind so zu Tischlern geworden, haben Fußbänke, Buchstützen und Blumenständer hergestellt. Ein paar Stände weiter präsentieren Sevelay Canga und Kolleginnen selbst gestrickte Schals und Socken.

Eingelassen wird nur, wer die Eingangskontrolle besteht. Das sind Personen, deren monatliches Nettoeinkommen unter 900 Euro liegt. Nachgewiesen durch ALG I- oder ALG II-Bescheid oder Verdienstbescheinigung. Dann gibt es eine Berechtigungskarte. Damit können an der Kasse zum Stückpreis von 50 Cent Goldtaler erworben werden, die Währung des außergewöhnlichen Weihnachtsmarktes.

Ralf Holzhausen ist mit Frau, Tochter und Enkelkind gekommen. 40 Jahre hat der Spandauer als Maler gearbeitet, dann war die Firma pleite. Nach einer Bypass-Operation hat der 61-Jährige keine Chance mehr auf einen neuen Job. Er hat Christbaumschmuck für umgerechnet einen Euro und ein Stofftier für die sechs Monate alte Laskisha gekauft. „Das sollte es nicht nur zu Weihnachten geben, dass man sich von Hartz IV mal ein bisschen was leisten kann“, sagt Holzhausen. „Einwandfrei“ findet auch Sascha Wolter die Idee. Weil sich die Auftragslage immer mehr verschlechterte, hat der 33-Jährige im Mai 2005 seinen Job bei einer Umzugsfirma verloren. Für Töchterchen Sidney hat er ein Micky-Maus-Center und eine Spieluhr aus Gips erworben.

Heute sowie vom 7. bis 9., 14. bis 16. und 21. bis 22. Dezember ist der Weihnachtsmarkt im Zitadellenweg 34 jeweils von 14 bis 19 Uhr geöffnet. Danach soll es weitergehen, die Organisatoren denken bereits an einen Ostermarkt. Spenden werden noch dringend gesucht. Wer helfen möchte, kann sich unter der Rufnummer 303 98 189 melden.

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