Berlin : Mit Robin Hood gegen die Bankgesellschaft

Die Studentenproteste bringen neuen Schwung in die Debatte über die Betrugsaffäre. Und machen ein Volksbegehren wahrscheinlicher

Lars von Törne

Grabesstimmung vor der Bankgesellschaft am Alexanderplatz. Weiß geschminkte Gestalten halten einen stilisierten Sarg auf ihren Schultern, ein Bläserensemble spielt getragene Musik, Studenten in Pastorenkostümen halten eine Trauerrede und tragen symbolisch die Bildung zu Grabe. Zwei Männer tragen ein Transparent, darauf steht: „Soziales Massengrab dank Bankenskandal“.

Dank der Proteste gegen die Kürzungen an Berlins Hochschulen erlebt die kritische Auseinandersetzung mit der Berliner Bankgesellschaft derzeit eine Renaissance. Viele Studenten ziehen eine direkte Verbindung zwischen den Millionenkürzungen an ihren Universitäten und den Sanierungskosten für die angeschlagene Bankgesellschaft. „Die Manager, die das verbockt haben, bekommen Tausende von Euro hinterhergeworfen, und bei uns werden Fakultäten geschlossen und Professorenstellen gestrichen“, sagt Chemiestudentin Magdalena Claaß (20), die zusammen mit einigen hundert Studenten zu der symbolischen Beerdigung am Montag und Dienstag gekommen ist. „Ohne den Bankenskandal wären an den Unis keine Einsparungen in dem geplanten Umfang nötig“, stimmt Kommilitone Martin Miehe (27) zu. Magdalena Claaß, die erst zum Wintersemester aus Kiel zum Studieren nach Berlin gekommen ist, war das Stichwort Bankgesellschaft bis vor kurzem noch kein Begriff. „Aber angesichts der Kürzungen merken wir, dass der Bankenskandal auch uns betrifft“, sagt sie.

Dieses neue Bewusstsein der Studenten spürt in diesen Tagen auch der Journalist Mathew D. Rose, der die Skandalgeschichte der Bankgesellschaft in seinem Buch „Eine ehrenwerte Gesellschaft“ aufgeschrieben hat. Mit dem Buch hat der gebürtige US-Amerikaner unter Berlins Studenten inzwischen fast eine Art Heldenstatus erlangt. Alleine in der vergangenen Woche war er zu drei Lesungen an der Technischen und der Freien Universität eingeladen, erzählt er. „Die Studenten können es nicht glauben, dass niemand für die Betrugsgeschichte zur Verantwortung gezogen wird“, sagt Rose, der über die Bankgesellschaft auch für den Tagesspiegel berichtet hatte. Für viele Studenten sind Roses Lesungen die erste Begegnung mit dem Thema. Als der Autor jüngst an der FU seine rund 300 Zuhörer fragte, wer sich noch nie mit der Bankgesellschaft beschäftigt hat, hoben 95 Prozent ihre Hand, berichtet Rose.

„Die Auseinandersetzung mit dem Skandal bekommt durch die Studenten eine neue Dynamik“, sagt Roses Verleger Rainer Nitsche. Immer häufiger kommen bei seinem Transit-Verlag in Kreuzberg Studenten vorbei, nehmen einen Stapel Rose-Bücher mit und verkaufen sie bei Protestveranstaltungen. Eine Gruppe von Filmstudenten wolle gar einen Film mit und über Mathew D. Rose drehen, sagt Nitsche. „Für die ist er eine Art Robin Hood, jemand der sich als Nichtexperte in das komplizierte Thema eingearbeitet hat, die Probleme gut erklären kann und auch die Auseinandersetzung mit hoch bezahlten Rechtsanwälten nicht scheut“. Auch einstweilige Verfügungen ehemaliger Bankmanager, wie die jüngst gerichtlich abgewiesene Klage von Manfred Schoeps, tragen zu diesem Image bei, freut sich Rainer Nitsche.

Frischen Wind beschert die studentische Kritik am Umgang mit der Bankgesellschaft auch der „Initiative Berliner Bankenskandal“ um den Politologieprofessor Peter Grottian. Hunderte von Studenten haben nach seinen Angaben alleine in den vergangenen Tagen das Volksbegehren unterschrieben, das Grottian und seine Mitstreiter anstreben. Mit dem Antrag wollen sie erreichen, dass die Bankgesellschaft aufgelöst und das vom Land übernommene finanzielle Risiko von 21,6 Milliarden Euro für Immobiliendienstleistungsgeschäfte neu verhandelt wird. 17000 Unterschriften habe man inzwischen gesammelt, sagt Grottian, 1000 mehr als vor einer Woche. Hält die studentische Unterstützung an, erwartet Grottian bis Weihnachten das Ziel von 25000 Unterschriften zu erreichen. Geht man nach der Reaktion der Studenten auf Grottians Vorträge, scheint sein Optimismus gerechtfertigt: Mit Jubel und Applaus reagierten am Montag 400 HU-Studenten auf die Forderung, das Geld für die Sanierung der Bankgesellschaft doch lieber den Universitäten zu geben.

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