Berlin : „Mit sanftem Druck zurück ins Arbeitsleben“

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Wissenschaftler sprechen von „Sozialhilfekarrieren“: Eltern geben die Einstellung weiter, der Staat werde schon für den Unterhalt aufkommen. Wie Wege aus der Armut aussehen könnten, erklärt Gert Wagner, Forschungsdirektor für Sozialpolitik im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Früher taten Eltern alles dafür, dass es die Kindern einmal besser haben. Heute führt sie der Weg oft gemeinsam zum Sozialamt. Haben Eltern keinen Ehrgeiz mehr?

Eher keine Perspektive. Und wenn Sohn oder Tochter in einer Straße groß werden, in der viele Nachbarn und Freunde nicht arbeiten gehen, wird das für sie zur Normalität. Das ist aber ein Problem vieler Großstädte, wie Studien, etwa aus Amsterdam, belegen.

Besonders aussichtslos erscheint die Lage von Eltern, die lange Zeit nicht gearbeitet haben.

Ja, deswegen prüft auch die viel zitierte Hartz-Kommission Auswege. Arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern soll mit sanftem Druck, also auch der Androhung von Kürzung der Bezüge, zurück in den Arbeitsalltag geholfen werden.

Ist das nicht kontraproduktiv, weil sich die Betreffenden erst recht verweigern könnten?

Nicht, wenn beispielsweise, wie in Köpenick, Verwaltungsmitarbeiter aus dem Personalüberhang als Fallmanager einzelne Arbeitslose intensiv betreuen. Sprich: Bei der Kitasuche helfen, einen Alkoholentzug ansprechen, mit zur Schuldnerberatung gehen, bei Bewerbungen helfen. Unverschuldete Arbeitslosigkeit schlägt ja nicht nur aufs Portemonnaie, sondern noch mehr auf die Psyche.

Wie hilft man Kindern aus dem Teufelskreis?

Damit können Sie gar nicht früh genug anfangen. Die Vorschule muss verpflichtender sein, mehr Ganztagsschulplätze müssen eingerichtet werden, um besonders Alleinerziehenden den Rücken freizuhalten und den Weg aus der Armut zu erleichtern.

Der Begriff Armut mutet in unseren Breitengraden vielleicht etwas übertrieben an.

Wir reden bei uns in Europa von relativer Armut – und wollen damit verhindern, dass Menschen, insbesondere Kinder, nicht an der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben können.

Sind nicht viel mehr innovative Ideen gefragt?

Man könnte über Partnerschaften nachdenken zwischen Schülern aus benachteiligten und privilegierten Gegenden, ähnlich wie in den USA. Darüberhinaus sollten mehr Lohnkostenzuschüsse gewährt werden. Wenn dies alles nichts bewirkt, dann könnten auch die Bezirke als letzte Alternative selbst Arbeitsplätze finanzieren. Ich denke da zum Beispiel an Dienstleistungen für Haushalte, also etwa Handwerker, die man günstig ordern kann. Denn das beugt Schwarzarbeit vor und ist auf Dauer billiger, als Armut mit Sozial- und Arbeitslosenhilfe zu bezahlen.

Das Gespräch führte Annette Kögel.

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