Berlin : Mit Silbenbrett und Videokamera

In der Arno-Fuchs-Schule für Geistigbehinderte können die Jugendlichen die Unterrichtsmaterialien frei wählen – sie arbeiten nach Montessori

Claudia Keller

Schulen machen sich fit für die Zukunft - und der Tagesspiegel ist dabei. Nach dem schlechten Abschneiden Berlins bei der Pisa-Studie stellen wir Schulen vor, die Eigeninitiative und Kreativität groß schreiben. Im 13. Teil unserer Serie besuchen wir die Arno-Fuchs-Schule für Geistigbehinderte in Charlottenburg. Die 140 zum Teil schwerstbehinderten Jugendlichen lernen nach dem Konzept von Maria Montessori.

Die Schule: In der Eingangshalle begrüßt ein Zeitungsleser aus Pappmaché die Besucher. Drumherum ist viel Grünes aus dem Garten, in den Fluren des roten Backsteinbaus hängen gemalte Bilder und eine Tastwand mit Bürsten, weichen und kratzigen Stoffen und Gegenständen. Man hat gleich den Eindruck, dass sich hier viele um etwas kümmern.

In der Backstube schälen an diesem Vormittag ein Mädchen und ein Junge Äpfel, in der Computerwerkstatt bearbeiten drei Jugendliche Bilder, die sie mit der Digitalkamera selbst aufgenommen haben, eine andere Gruppe übt mit Hilfe von Buchstaben- und Zahlentafeln Lesen und Rechnen. Als Schulleiterin Sabine Stowasser-Gutkuhn vorbeikommt, strahlen alle und wollen ihr die Hand geben.

Manchen Jugendlichen merkt man die Behinderung gar nicht an, andere sitzen im Rollstuhl und sind zu kaum einer Bewegung fähig. Sie alle lernen in gemischten Klassen von 8 bis 15 Uhr. Für je acht Schüler sind ein Sonderschullehrer, eine pädagogische Hilfskraft und ein Betreuer zuständig. Dazu kommen Ergo- und Physiotherapeuten, Logopäden und Erzieher. Gemeinsam Frühstücken und Mittagessen sind genauso feste Bestandteile des Schulalltags wie Ausflüge.

Das Besondere: Oberstes Lernziel ist, dass die Jugendlichen nach dem 12-jährigen Schulbesuch trotz ihrer Behinderung selbständig leben und arbeiten können. In der Eingangsstufe beginnt das Training zur Selbstständigkeit mit Tischdecken und Anziehen; einige üben, allein im Supermarkt um die Ecke einzukaufen. Die Älteren werden in Werkstätten auf das Berufsleben vorbereitet. Ein Pfeiler des Unterrichts, und zwar in allen Klassenstufen, ist die „Montessori-Freiarbeit“. Das heißt, die Jugendlichen entscheiden selbst, ob sie zum Beispiel mit dem Silbenbrett Lesen üben wollen oder lieber Rechnen auf dem Papier. „Jeder trägt sein eigenes Lernkonzept in sich und beginnt, sich nach seinen Fähigkeiten zu interessieren“, erklärt ein Lehrer. Mit den Montessori-Materialien können die Schüler selbst kontrollieren, ob sie Fehler machen.

Anders als in anderen sonderpädagogischen Schulen wählen die 14- und 15-Jährigen in der Abschlussstufe hier nicht nur zwischen Holz- und Metallwerkstätten, sondern können mit dem Computer und der Videokamera arbeiten, mit Papier und Keramik, sie können nähen, weben und backen. Außerdem verbringen sie in der Arno- Fuchs-Schule zehn Stunden pro Woche in den Werkstätten. Üblich sind zwei Stunden. Je nach Behinderung lernen sie alle Arbeitsschritte oder nur einige wenige.

Was es kostet: Montessori-Arbeitsmittel sind nicht billig. In den 80er Jahren hatte das Bezirksamt noch genügend Geld, um die Umstellung auf Montessori-Pädagogik zu unterstützen. Heute helfen Eltern im Förderverein, Sponsoren zu finden. Andreas Koska hat den Verein mitbegründet. Vor elf Jahren hat er seinen Sohn mit Down-Syndrom eingeschult. Jetzt fällt ihm der Abschied schwer, denn die Zusammenarbeit mit den Lehrern sei ideal. Für ihn der beste Beweis: Das Kollegium hinterfragt die eigene Arbeit und nimmt seit zwei Jahren an dem Berliner Programm SQIB teil, „Schulqualität in Berlin“. Mit Unterstützung durch Moderatoren vom Landesschulamt feilen sie an einem Schulprofil, in dem die Arbeit mit Schwerstbehinderten noch deutlicher verankert sein wird.

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