Berlin : Mit Skalpell, Tupfer und Geigenbogen

„European Doctors Orchestra“ kommt in die Stadt In dem Laienensemble spielen Ärzte aus elf Ländern

Frederik Hanssen

Normalerweise sorgt Antje Dembinski als Augenärztin dafür, dass ihre Patienten scharf schauen können. Zurzeit aber muss sie auch privat voll konzentriert bleiben, um den Durchblick zu behalten: Gemeinsam mit ihrem Medizinerkollegen Hans-Jürgen Nabel organisiert sie nämlich eine große Benefizaktion des „European Doctors Orchestra“ in Berlin. Die 120 Mitglieder des ambitionierten Laienensembles, die aus elf verschiedenen Ländern zum Konzert am 24. Juni im Konzerthaus am Gendarmenmarkt anreisen, brauchen Unterkünfte, Plakate und Programmhefte sind zu drucken, für das Hauptwerk des Abends, Gustav Mahlers 1. Sinfonie müssen diverse Spezialinstrumente ausgeliehen werden. „Natürlich bedeutet das eine Menge Zusatzstress“, sagt Hans-Jürgen Nabel, der als Geriatrie-Spezialist im Spandauer Waldkrankenhaus arbeitet, „aber es ist einfach ein total netter Haufen, mit dem es Spaß macht zu musizieren.“

Gegründet wurde das transnationale Orchester vor drei Jahren von Miklos Pohl in London. Der Chirurg hatte schon in seiner australischen Heimat regelmäßig Hobbymusiker mit Doktortitel für gemeinsame Konzertprojekte zusammengetrommelt – und dabei ermutigende Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel, dass es für einen Dirigenten tatsächlich möglich ist, in nur zwei Tagen mit einer aus allen Himmelsrichtungen eingeflogenen Truppe ein anspruchsvolles Klassikprogramm zu erarbeiten. „Mediziner sind äußerst disziplinierte Arbeiter“, erklärt Nabel, „die üben tatsächlich zu Hause ihre Stimmen, wenn man ihnen das Material zwei Monate vorher zuschickt, und erscheinen zur ersten Probe dann bestens vorbereitet.“

Warum sich gerade unter Medizinern so viele begeisterte Laienmusiker finden, hat der Philosoph Theodor W. Adorno einmal so erklärt: Die Hinwendung zur Musik sei ein „Protest gegen einen bürgerlichen Beruf, der dem Intellektuellen, der ihn ergreift, besonders viel zumutet, Opfer verlangt, wie sie sonst nur von körperlich Arbeitenden verlangt werden: Ekel Erregendes berühren und über die eigene Zeit nicht verfügen, sondern auf Abruf warten.“ Nabel sagt: „Einige von uns sind so gut, dass sie auch Profiinstrumentalisten hätten werden können.“ Er selber hat nach 33 Jahren als Trompeter erst jüngst auf Horn „umgeschult“.

Weil die technischen Fähigkeiten der Ensemblemitglieder unterschiedlich sind, ist es extrem wichtig, dass sich der Dirigent auf die Möglichkeiten der Laien einstellen kann. Mit Maestro Warwick Stengaards vom Luzerner Theater klappte das bisher bestens. Darum hat man sich diesmal drei Kompositionen vorgenommen, die ein echtes Chefarzt-Programm ergeben: Neben der Mahler-Sinfonie, genannt „Der Titan“, sind das Richard Strauss’ Oboenkonzert (mit der Solistin Emma Davislim-Black) sowie die Ouvertüre „Römischer Karneval“ von Hector Berlioz. Die Einnahmen werden einem wohltätigen Projekt gespendet, diesmal dem Kinderhospiz „Sonnenhof“ der Berliner Björn-Schulz-Stiftung.

In Berlin gibt es übrigens auch zwei örtliche Ärzte-Orchester, die beide in diesen Tagen Konzerte geben: Das 1981 gegründete Ensemble „Musici Medici“ der Charité ist am Freitag im Kleinen Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt mit Werken von Darius Milhaud, Jean Francaix und Karl Weigl zu erleben, das Berliner Ärzte-Orchester, das seit fast 100 Jahren existiert, tritt am Samstag mit einem Mozart-Haydn-Programm im Schloss Britz auf.

Das „European Doctors Orchestra“ spielt am 24. Juni im Konzerthaus, die Tickets kosten 12 Euro. Weitere Infos unter www.edo.uk.net

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