Berlin : Mit sportlichen Grüßen

In Berlin engagieren sich fast 60 000 Menschen ehrenamtlich im Sport. Der Landeshaushalt profitiert davon

André Görke

So viele Menschen leben nicht einmal auf Sylt, der größten nordfriesischen Insel: Fast 60 000 engagieren sich in Berlin ehrenamtlich im Sport. Da müsste man die Anzahl der Sylter glatt verdreifachen. Mit viel Eigeninitiative versuchen Sport-Engagierte, den Sparmaßnahmen des Senats auszuweichen. Peter Hanisch, Präsident des Landessportbundes (LSB), nennt ein Beispiel: In Marzahn sollte eine Sporthalle schon am späten Nachmittag verschlossen sein. Für das Land war es schlicht zu teuer, einen Wart stundenlang Bereitschaft schieben zu lassen, damit die Halle abends wieder abgeschlossen war. „Den Schlüssel können die Sportler selbst umdrehen“, sagt Hanisch. So spart das Land Personalkosten.

Solche Maßnahmen heißen im Fachjargon „kleiner Schlüsselvertrag“. Rund 1000 dieser Vereinbarungen haben Vereine mit den Bezirken abgeschlossen. Andere haben sogar „große Schlüsselverträge“ unterschrieben – der unterklassige Fußball-Verein Alemannia 90 Wacker in Reinickendorf etwa. In solchen Fällen schließt ein Vereinsmitglied nicht nur Kabinen auf und ab, sondern kümmert sich auch darum, dass sie gereinigt werden, dass jemand das Flutlicht an- und ausschaltet, dass die Heizung funktioniert. Nur wenn Sportgeräte wirklich einmal kaputt gehen oder der große Rasenplatz professionell gemäht werden muss, rücken Mitarbeiter der Bezirksämter mit schwerem Gerät an. „Die Vereinsmitglieder entwickeln so ein ganz anderes Gefühl für das Gelände – als wäre es ihr eigenes“, sagt auch Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbandes. Am Wacker-Platz in Reinickendorf etwa wurde plötzlich Geld unter den Mitgliedern gesammelt. Man hatte sich entschieden, die Kabinen eigenhändig zu sanieren und neue Fliesen zu verlegen.

Ähnliches ist bei den Wassersportvereinen zu beobachten. Ihnen hat das Land nach Angaben des Landessportbundes 60 seiner Grundstücke abgetreten. Denn um Pacht zu sparen, können Vereine dem Land Berlin das Gelände für ein Viertel des Verkehrswertes abkaufen. Meist sammeln sie die Summe unter den Mitgliedern oder nehmen einen Kredit auf. Damit die Vereine das Areal wirklich zweckgebunden nutzen und nicht teurer weiterverkaufen, lässt sich das Land vertraglich ein Rückkaufsrecht zusichern. Ein Beispiel ist die Treptower Kanuabteilung des Sportvereins „Turngemeinde in Berlin“ (TiB). Das Wassergrundstück ist, wie LSB-Sprecher Dietmar Bothe sagt, der ebenfalls Vereinsmitglied bei TiB ist, mehr als 2500 Quadratmeter groß. Das Gelände hat einen Verkehrswert von rund 300 000 Euro, der Verein konnte es für rund 80 000 Euro kaufen. Nun bleibt der Haushalt des Bezirks von Instandhaltungskosten verschont, die Vereine können ihre Einnahmen dagegen aufbessern, indem sie die Anlegestellen auch privat nutzen oder leere Schiffsliegeplätze kommerziell vermieten. Ein Platz für Segelboote kostet rund 500 Euro im Jahr. Die Einnahmen dienen zur Tilgung des Kredits.

Und noch einen Vorteil hat die Eigeninitiative: Wenn Sportvereine ein Grillfest veranstalten oder die Trainingszeiten verändern wollen, müssen sie nicht erst in Nutzungsparagraphen wühlen und Anträge beim Bezirk einreichen. So wird Bürokratie abgebaut.

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