Berlin : Mit Tee und Plätzchen für den Islam geworben

Berliner Moscheen stellten sich tausenden Gästen am Einheits-Feiertag als Orte des Friedens vor

Christoph Stollowsky

Vor dieser Moschee fehlt nur noch ein Gartenzwerg. Stünde ein solcher auf der frisch gemähten Wiese zwischen den Geranientöpfen, so würde man an einem normalen Tag noch weniger vermuten, dass hier an der Tegeler Meteorstraße 52 hinter der weiß getünchten Fassade des in blühende Gärten eingebetteten Einfamilienhauses zu Allah gebetet wird. Doch gestern, am Tag der offenen Moscheen in Berlin, standen die Gymnasiasten Intisar und Basar Ahmed am Tor und begrüßten die Gäste mit Tee und Plätzchen vor einem Transparent: „Liebe für alle, Hass für keinen!“ Gut 200 Interessierte schüttelten den Jungs bis zum Abend die Hände und besuchten das Zentrum der Ahmadiyya Muslim Gemeinde, eine der kleinsten Moscheen Berlins. Tausende Neugierige kamen unterdessen zum größten islamischen Gotteshaus, der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm.

Mehr als ein Dutzend Berliner Moscheen öffneten am Tag der Einheit ihre Türen. Damit wollte der Zentralrat der Muslime „unsere Verbundenheit mit der Gesamtbevölkerung“ zum Ausdruck bringen und bezeugen, dass sich die Muslime „als Teil der deutschen Einheit“ sehen. „Aber wie halten Sie’s mit dem Terrorismus?“ war die am häufigsten gestellte Gegenfrage. „Sehen Sie uns an“, rief der Imam der Ahmadiyya Muslim-Gemeinde, Abdul Basit Tariq. Und dann schaute er all seinen Gästen lächelnd in die Augen, die ihn auf Plastikstühlen im Gruppenraum des Häuschens umringten. „Sehen wir so gefährlich aus?“

Die Ahmadiyya-Anhänger verstehen sich als separate Reformgemeinde innerhalb des Islam, sie haben in Berlin nur etwa 200 Mitglieder und wollen von extremen Strömungen nichts wissen. Ebenso wie die Muslime am Columbiadamm versicherten Gemeindesprecher, ihre Religion werde von Terroristen und Fundamentalisten missbraucht. „Aber wieso tragt ihr dann einen Schleier?“, wollten Besucherinnen von jungen Musliminnen in Tegel wissen. „Damit grenzen wir uns selbstbewusst gegen manche unangenehmen Blicke von Männern ab“, sagt die Abiturientin Ayesha Afaq. Jedes Mädchen könne aber selbst entscheiden, ob sie das Tuch tragen wolle. Nachteile für die Nicht-Trägerinnen gebe es nicht.

Ayesha antwortete geduldig im schlichten Andachtsraum. Mit seiner Kiefernholzdecke und dem Wollteppich ähnelt er eher einem durchschnittlichen Berliner Wohnzimmer als einer Moschee. Auch deshalb will die Gemeinde aus ihrem zu klein gewordenen Tegeler Provisorium nach Pankow-Heinersdorf umziehen – in ein dort geplantes, eigenes Gotteshaus. Doch in der Bevölkerung stößt das Vorhaben wie berichtet auf Widerstand. Um so eifriger stellten die Muslime gestern ihre Moschee als einen „Ort des Friedens“ und des religiösen Dialoges vor: „Wir hatten hier schon Vorträge von Juden, Christen und Buddhisten, die ihren Glauben erklärten.“

Mit dem Islam werden sich viele Berliner vermutlich auch in den kommenden Tagen intensiv beschäftigen. In Scharen pilgerten sie zum weithin sichtbaren Minarett der Neuköllner Sehitlik-Moschee und griffen zum Koran. Gleich stapelweise ging dort das Heilige Buch des Islam zum Sonderpreis von fünf Euro weg – in deutscher Sprache, rot eingebunden. Wie die Touristenführer im Dom erklärten Sprecher der Gemeinde die Architektur der nach Mekka ausgerichteten Moschee und die Riten des muslimischen Gottesdienstes. „Allah ist ein Name desselben Gottes, an den auch ihr Christen glaubt.“ Viele hörten erst verwundert, dann sichtlich erleichtert zu: „Man hat doch ganz andere Bilder im Kopf.“

Damit die friedlichen Bilder bleiben, gab es gestern gleich weitere Einladungen. In fast allen Moscheen sind Neugierige auch im Alltag willkommen, als Besucher mit vielen Fragen oder als Gäste einer Andacht.

Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm ist täglich 10 bis 21.30 Uhr geöffnet. Andachten jeweils um 13 und 16.30 Uhr.

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