Berlin : Mit Tempo 120 unter Berlin durch

Techniker prüfen den neuen Bahntunnel

Daniela Martens

„Weiche...Achtung... Zack!“ sagt Lokführer Uwe Göbler ins Mikrofon. Ein kurzer Ruck, dann taucht der kurze gelbe Zug in den Tunnel kurz vor dem Potsdamer Platz. Mit Tempo 120 geht es unter dem Landwehrkanal hindurch. Bei drei Prozent Gefälle ist das ein bisschen wie Achterbahnfahren. Im Licht der Neonlampen sieht man aus dem Führerhaus, wie sich der neue Nord-Süd-Tunnel dahin windet. Ohne Halt geht es vorbei an den neuen unterirdischen Bahnsteigen des Lehrter Bahnhofs. Eine Anzeigetafel mit dem Reiseziel Sydney (ein Scherz der Techniker) rauscht vorbei, man möchte fast glauben, dass der Zug erst wieder in Australien herauskommt.

„Das ist ein Gefühl“, sagt Bauingenieur Hany Azer fast ein bisschen verträumt. Er steht neben dem Lokführer und fährt an diesem Dienstagmittag zum ersten Mal mit einem elektrisch betriebenen Zug durch „seinen“ dreieinhalb Kilometer langen Tunnel und noch weiter – die ganze neue Nord-Süd-Trasse zwischen Gesundbrunnen und Teltow. Der Ägypter ist für den Bau verantwortlich, wie für fast alles andere, das die Bahn in Berlin gerade baut. Die Fahrt ist allerdings nur eine kleine Premiere für ihn, er ist schon manchmal mit verschiedenen anderen Wagen auf der Strecke unterwegs gewesen. Ein wenig Grund zur Aufregung hat er aber doch: Der gelbe Zug ist ein Messzug, der seine Arbeit kontrolliert. Seit Montagmorgen fährt er unermüdlich zwischen Gesundbrunnen und Teltow hin und her. Bis Freitag will das Messteam die Strecke rund 70 Mal fahren.

Vor allem wird getestet, ob die Oberleitung richtig funktioniert, aus der die Loks ihren „Saft“ ziehen. Verantwortlich dafür ist Messingenieur Josef Stieger. Er steht in der Mitte des Zuges zwischen Monitoren, Kabeln, Knöpfen und Displays. Auf einem Endlosausdruck neben Stieger wird aufgezeichnet, was Sensoren am Stromabnehmer auf dem Dach der Lok erspüren. Der Bügel darf weder zu stark noch zu schwach an der Kupferleitung anliegen, durch die immerhin 15 000 Volt fließen.

Deshalb werden die Metallkonstruktionen, die die Lok aussehen lässt wie ein Insekt mit Fühlern, mit Argusaugen überwacht. Zwei davon gehören Messhelfer Frank Nonhoff. Er sitzt in einer Art Ausguck und hat Oberleitung und Stromabnehmer stets im Blick. Im Dunkel des Tunnels sieht er vor allem Funken. Das passiert, wenn der Bügel sich kurz vom Draht entfernt. „Das ist ganz normal“, beruhigt Stieger.

Damit alles gut geht, falls doch irgendwann etwas passiert, wird im März die Evakuierung des Tunnels geprobt. Zum kommenden Fahrplanwechsel am 28. Mai durchqueren ihn dann die ersten regulären Personenzüge. Nach Sydney fahren sie bestimmt nicht, aber immerhin nach Stralsund.

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