Berlin : Mit Toblerone im Haar

Das Berliner Unternehmernetzwerk „Schwiizlis“ bringt Kreative aus der Alpenrepublik zusammen

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Neue S-Bahn-Verbindung. Anita Meier versetzte die Gebirgskette Wildstrubel aus den Berner Alpen kurzerhand hinter den Berliner S-Bahnhof Westhafen. Die Grafikerin ist Mitglied im Kreativ-Netzwerk „Schwiizlis“. Foto: promo/Anita Meier
Neue S-Bahn-Verbindung. Anita Meier versetzte die Gebirgskette Wildstrubel aus den Berner Alpen kurzerhand hinter den Berliner...

Anita Meier kam wegen der Liebe nach Berlin. Wegen der Liebe zur Stadt. 1985 besuchte sie eine Freundin, fuhr mit dem Rad durch die Straßen West-Berlins. „Ich war wie im Rausch“, erinnert sie sich. Und schnell war klar, sie wollte hier wohnen. Freunde und Verwandte in der Schweiz beruhigt sie: „In einem Jahr bin ich wieder zurück“. Doch: Anita Meier blieb. Bis heute. Die Schweiz hat sie hinter sich gelassen. Wenn sie andere Schweizer treffen möchte, dann geht sie zum Stammtisch der „Schwiizlis“.

Das Netzwerk hat sich vor fünf Jahren in Berlin gegründet. Es besteht aus etwa 20 Kreativen; Alphornbläser sind darunter, Modedesignerinnen, Musiker, eine Goldschmiedin, Komiker und Kostümbildner. Sie wollen als „Schwiizlis“ keine Heimatabende feiern, gemeinsam den Nationalfeiertag begehen oder auf irgendeine Weise ihr Heimatland repräsentieren. Das Bündnis sieht sich vor allem als Unternehmernetzwerk. Man stellt sich gemeinsam auf einer Internetseite vor (www.schwiizli.de). Bei den monatlichen Treffen helfen sich die selbstständigen Schweizer in Rechts- und Steuerfragen und vermitteln gegenseitig Kontakte und Aufträge. Oder aber sie sprechen über ganz alltägliche Dinge. Etwa darüber, ob die Kinder zweisprachig aufwachsen sollen, hochdeutsch und schweizerdeutsch? Wie pflegen das die anderen „Schwiizli“-Eltern?

Im vergangenen Winter präsentierte sich die Gruppe mit einer kleinen Messe, Modeschauen, Konzerten und Lesungen im Berlin-Carré am Alexanderplatz. Und beim Karneval der Kulturen haben sie auch teilgenommen. Doch Folklore wollten sie den Berliner nicht bieten. 2008 machte die konservative Volkspartei SVP mit einem Plakat auf sich aufmerksam, auf dem eine Herde weißer Schafe ein schwarzes über eine Grenze kickte. „Wir waren über diese Darstellung fassungslos und wollten zeigen, dass nicht alle Schweizer so denken“, erinnert sich Anita Meier. Also zogen die Eidgenossen mit einer Herde liebevoll gestalteter, sehr bunter Schafe in der Parade mit.

Überhaupt, wenn die „Schwiizlis“ schweiztümelnd werden, dann meistens auf eine ironische Art und Weise. Die Modedesignerin Pia Fischer setzt ihren Models zum Beispiel Toblerone-Riegel als Kopfschmuck ins Haar und näht Börsen aus Schweizer Franken-Banknoten und DM-Scheinen. Anita Meier hat für eine Postkartenserie die Schweizer Gletscher gleich hinter dem Deutschen Bundestag emporwachsen lassen. Und die Alphornbläser Ma-Lou Bangerter und Werner Lützow entwickeln Traditionelles zu „neoalpinesken und urbanen“ Klängen weiter, wie die beiden es nennen.

Die meisten „Schwiizlis“ kamen einst aus demselben Grund nach Berlin: „Wir hatten hier Möglichkeiten, von denen wir glaubten, sie in der Schweiz nicht zu bekommen“, sagt Grafikerin Anita Meier, die in Winterthur aufgewachsen ist. „Die Schweiz schien uns zu eng.“ In Berlin dagegen gab es die Freiheit, Musik zu machen, Performances und Ausstellungen auf die Beine zu stellen. „Man wurde nicht beurteilt, man durfte einfach loslegen.“ Das schätzen sie noch heute.

Mehr als die Hälfte ihres Lebens wohnt Anita Meier nun schon in Berlin. Sie kennt alle Spieler der deutschen, aber keinen einzigen der Schweizer Fußballnationalmannschaft. Und auf Fragen nach ihrer Herkunft antwortet sie mit: „Schöneberg.“ Da war sie nämlich damals gelandet. Heute betreibt sie ihr Design-Büro am Arkonaplatz in Prenzlauer Berg. Die Schweiz, sagt sie, sei für sie ganz weit weg. „Aber“, fügt sie hinzu, „nicht alle Schwiizlis sind wie ich, andere haben noch mehr Herkunftsidentität. Einige von ihnen kamen und blieben auch mehr aus Liebe zu einem Berliner oder einer Berlinerin als aus Liebe zur Stadt.“

Entsprechend skeptisch sei sie daher auch zum ersten Netzwerk-Treffen gegangen, erinnert sich Anita Meier. Nationalstolz ist ihr fremd. Aber der Abend habe ihr dann doch gut getan, erinnert sie sich. Spaß habe es gemacht, über dieselben Witze und die sprachlichen Missverständnisse zwischen dem Hochdeutschen und dem Schweizerdeutsch zu lachen, Kindheitserinnerungen auszutauschen. Und so trifft der einfache wie selbstbewusste Slogan, mit dem sich die „Schwiizlis“ präsentieren, den Kern dieses Bündnisses: „Wir sind hier.“ Heißt: Berlin gehört genauso zu uns wie der Schweizer Pass.

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