Berlin : Mit Verlaub!

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Nichts gegen eine deutliche Sprache in der Politik. Man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Doch unsere Abgeordneten im Berliner Parlament fallen gern von einem Extrem ins andere. Mal verbreiten sie Langeweile mit ihrem holprigen bis unverständlichen Bürokratendeutsch, mal werfen sie mit Kraftausdrücken um sich, die gar nicht polemisch, sondern bloß ordinär sind, aber offenbar niemanden mehr stören.

„Und Sie lassen sich hier von Sarrazin verarschen“, rief der Abgeordnete Oliver Schrouffeneger (Grüne) kürzlich während der Plenardebatte über einen Missbilligungsantrag der Opposition gegen Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) in den Saal. Schrouffeneger meinte die Sozialdemokraten. „Um es mal unparlamentarisch auszudrücken“, fügte er belustigt hinzu. Ihm hätte auch ein farbiges Verb wie veralbern, veräppeln oder verkohlen einfallen können, aber nein, es musste unbedingt ein Kraftausdruck sein. Den fand er offensichtlich so schön, dass er ihn wiederholte, mitsamt dem Zusatz, „um es mal unparlamentarisch auszudrücken“. Nun pflegt der Parlamentspräsident „unparlamentarische Ausdrücke“ zu rügen, aber die amtierende Präsidentin Martina Michels (Linkspartei/PDS) überhörte die doppelte Herausforderung.

In einer sehr engagierten Rede vor dem Abgeordnetenhaus bekannte Barbara Oesterheld (Grüne): „Ich habe wegen diesem Scheißthema auch ständig gelitten.“ Sie meinte ein schwieriges Thema, nämlich die Wohnungswirtschaft, die Schulden und geplanten Wohnungsverkäufe von Wohnungsbaugesellschaften der öffentlichen Hand. Wieder leitete die Vizepräsidentin Michels die Sitzung, wieder überhörte sie die drastische Formulierung. Na und wenn man schon „Scheißthema“ sagt, dann kommt es auf den falschen Dativ statt des richtigen Genitivs (wegen dieses Themas) auch nicht mehr an, nicht wahr?!

Also keine Rügen, nicht einmal freundliche Hinweise darauf, dass so ein Vokabular unparlamentarisch sei, was ja zumindest Schrouffeneger durchaus bewusst war. Gut und schön, umgangssprachlich sind heute Wörter gang und gäbe, die früher als unaussprechlich galten. Nur muss man wissen, was man wann und wo sagen oder eben nicht sagen kann. Schließlich ist ein Parlament keine Kneipe. Und dass die Grünen Meister des Unkonventionellen sind, ist kein Grund, Vulgäres zum parlamentarischen Umgangston zu erheben.

Legendär ist der Zwischenruf, den Joschka Fischer 1984 im Bundestag dem damaligen Vizepräsidenten Richard Stücklen an den Kopf warf: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Das war einmalig, bisher. Doch wer weiß, was dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses blüht, falls er nicht vorbeugt.

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