Berlin : Mit viel Liebe gemacht

In Grunewald entsteht das Erotikheft „Feigenblatt“ Seine Erfinderin setzt auf Niveau und Natürlichkeit

Franziska Felber
Nichts gegen Blümchensex. Anja Braun an ihrem Schreibtisch. Foto: Paul Zinken
Nichts gegen Blümchensex. Anja Braun an ihrem Schreibtisch. Foto: Paul Zinken

Der nackte Mann auf Seite 23 sieht irgendwie anders aus. So haarig, so verletzlich. Kennt man ja eigentlich, aber in einem Erotikmagazin? Daneben eine Anleitung zur Tantra-Massage, Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe des „Feigenblatts“. Wer noch weiterblättert, kann Vibratoren aus „heimischem Fichtenholz“ bestaunen.

Nie hätte Anja Braun, 39, gedacht, dass das Arbeitsamt sie dabei unterstützen würde, ein Erotikmagazin zu gründen. Doch vor sechs Jahren war man dort von ihrer Idee geradezu begeistert. „Letztlich ist es ja auch nur eine Geschäftsidee“, sagt Braun. Das „Feigenblatt“, das seither alle drei Monate erscheint, ist nicht einfach ein weiteres Sexheft. In der Redaktion in Grunewald werden keine Hochglanzfotos von operierten Barbies ausgewählt. Man ist um Natürlichkeit bemüht. Die Texte im Blatt sind zahlreich und anspruchsvoll, richten sich in erster Linie an Paare. Eine Marktlücke, wie auch das Arbeitsamt befand.

Anja Braun hat die Idee als Herausgeberin umgesetzt, Chefredakteur ist ihr Mann Herbert, der auch erotische Kurzgeschichten beisteuert. Ein eheliches Erotikheft, das ist im Fall des „Feigenblatts“ kein Widerspruch. Die Brauns möchten „Sexualität nicht als Leistungsprinzip“ begreifen, sagt Anja Braun. Das öffentlich propagierte Verständnis von Erotik soll kein Zwang sein – wer Bock auf Blümchensex hat, soll ihn haben. Die nackten Frauen im Heft sollen nicht dümmlich oder unterwürfig wirken. Auch am Männerbild möchte Anja Braun kratzen. Denn Männer würden sonst nur nackt gezeigt, „wenn sie ein Sixpack haben. Ein Mann ohne Sixpack ist in den Medien immer nur der liebenswerte Trottel“.

Als Herausgeberin eines Erotikhefts kann sie über Sex reden, ohne rot zu werden. Dabei wirkt sie eher wie eine Freundin als wie ein ausgebuffter Sex-Profi, dem man nichts Neues mehr erzählen kann. Für jedes Heft wählt sie ein Schwerpunktthema, wie etwa „Fetisch“, „Fremdgehen“ oder „Macht und Hingabe“ – und betritt dabei nicht selten selbst Neuland. Hinzu kommen die Kurzgeschichten und Bilderserien sowie Besprechungen von Büchern, Hörspielen, Filmen oder auch Ausstellungen. In der Rubrik „Sprechstunde“ werden Fragen behandelt wie: „Haben alle anderen besseren Sex als ich?“ Aber auch Blasenprobleme werden hier erörtert.

Beim Umblättern der hochwertigen, dicken Seiten wird einem schnell klar, dass Brauns Magazin kein Schmuddelblatt ist, sondern sich prima wie ein Bildband auf dem Kaffeetisch macht. Die Idee zu dem Format kam Anja und Herbert Braun bei einem Spaziergang in Berlin. Als sie etwas später für einige Jahre nach Hannover zogen und Anja keinen Job hatte, traute sie sich an die Umsetzung. Zuvor hatte sie als Webdesignerin gearbeitet, das erleichterte nun die Arbeit an den Layouts. Von der ersten Ausgabe des „Feigenblatts“ druckte sie 1000 Exemplare, Thema des Hefts: „Das erste Mal“. Für das Startkapital verkaufte sie ihren Schrebergarten. Einmal half auch die Großmutter aus, als das Budget knapp wurde. Die Eltern boten ihr damals einen Schlafplatz an, wenn Anja wie so oft von Hannover in ihre Heimatstadt Berlin fahren musste. „Die meisten Veranstaltungen, die für uns interessant sind, finden in Berlin statt“, sagt sie und zählt einige auf: der Erotische Salon, das Pornfilmfestival, die Erotikfachmesse Venus, Amazonen-Cruising – ein lesbischer Partnertreff im Tiergarten –, Partys im KitKatClub. Irgendwann erschien es ihr unkomplizierter, wieder nach Berlin zu ziehen. „Eine Zeitschrift wie das Feigenblatt gehört in diese Stadt“, sagt sie. Zwar könne man hier kaum noch provozieren, „aber man wird auch nicht schief angeschaut“, sagt Anja Braun.

Seit zwei Jahren sitzt das „Feigenblatt“ jetzt in der Hauptstadt. Die Auflage hat mittlerweile eine Stückzahl von 15 000 erreicht. Verkauft wird das Heft für sechs Euro vor allem an Fachkiosken und in Erotikshops oder als Abonnement.

Doch noch verdient Anja nichts an ihrer Marktlücke. Ihr Mann Herbert finanziert mit seinem Job bei einer Computerzeitschrift die gemeinsame Existenz. Immerhin kann Anja Braun sich mittlerweile ein Redaktionsauto leisten und eine Mitarbeiterin bezahlen. Ihr Ziel ist es, dass „das Magazin drei Menschen ernähren kann“. Dass sie sich jedes Mal wieder aufs nächste Heft freut, schiebt sie vor allem auf ihre Leser. Paare schreiben ihr, um sich zu bedanken. Abonnenten kleben kleine, beschriebene Post-its auf ihre Bestellungen. „Es freut mich, dass die Leser verstehen, was wir machen wollen“, sagt Braun. Das hält ihre Leidenschaft lebendig. Franziska Felber

Das Magazin im Internet:

www.feigenblatt-magazin.de

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