Berlin : Mit Volksmusik aus dem Börsentief

Wenn Schlagerfans zu Aktionären werden: Hauptversammlung mit Hit-Produzent Jack White

Thomas Loy

„Simmer durch?“ Jack White schaut nonchalant auf den Vorstandstisch, wo die Manager sitzen, die nicht komponieren und wohl auch nie so begnadet Fußball gespielt haben wie er. Die Manager tragen graue Anzüge, Jack White ein schwarzes Hemd, aufgeknöpft. So könnte er auch an einer Bar am Strand von Bodega sitzen, mit seinem unbezwingbaren Hansi-Hinterseer-Lächeln.

Es ist Hauptversammlung seiner Aktiengesellschaft, der Jack White Productions AG, und deshalb muss jetzt der Vorstand entlastet werden. Der Aktienkurs war mal bei 50 Euro und ist dann bis auf rund 3 Euro abgestürzt. Jetzt liegt er bei 4,75 Euro. Die gebeutelten Aktionäre sind deshalb nicht böse, weil Jack White zwar ihr Geld verbrannt hat, aber unschuldig ist an der ganzen Wirtschaftsmisere und überdies das Idol einer ganzen Generation. „Das kann man niemandem übel nehmen“, sagt ein Fotograf, der mal bei 48 Euro eingestiegen ist. Der Vorstand wird mit 99,8 Prozent entlastet.

Kritik gibt es allerdings am Rahmenprogramm. Keine Auftritte hoffnungsvoller Nachwuchstalente wie in früheren Jahren, keine opulenten Festmenüs. Serviert werden nur noch Zahlen. Die sehen geradezu bombastisch aus. 51 Prozent Gewinnsteigerung im Jahr 2003. Blendende Aussichten auch in diesem Jahr – nur die Börse sträubt sich noch. Hansi Hinterseer, Jack Whites Trumpfkarte aus dem Bereich Volksmusik, soll die Melancholie der Märkte beenden. Von ihm erwartet White noch in diesem Jahr einen Superhit – es wäre der erste seit dem Börsengang 1999.

Mit Volksmusik und vor allem dem deutschen Schlager ist Jack White einst groß geworden. Roberto Blanco, Tony Marshall, Roland Kaiser und Lena Valaitis ebneten seinen Weg zu Geld und Ruhm. Nach eigenen Angaben besitzt White 400 Gold- und Platinplatten. Seine Kompositionen und produzierten Songs sind auf 500 Millionen Tonträgern veröffentlicht. Jack White ist ein Star hinter den Kulissen. Ein wenig missachtet und gering geschätzt fühlt er sich trotzdem. Ralph Siegel, der andere Schlagerproduzent deutscher Zunge, ist in Boulevardblättern besser vertreten.

Viele Aktionäre sind mit Jack White groß geworden und verehren ihn. Eine Lockenblondine erzählt wehmütig vom Disco-Night-Fever der 70er Jahre. Da ging sie regelmäßig in einen Club an der Johannisthaler Chaussee in Neukölln. Der habe Jack White gehört. Am Wochenende ließ er dort seine neuen Schlagerstars auftreten oder griff selbst zum Mikro. Manchmal habe er auch selbst bedient. „Da war er sich nicht zu schade.“ Auch als Multimillionär und globaler Musikproduzent sei er „ganz natürlich geblieben“. Vor allem schätzen ihn seine Aktionäre als seriös ein, was man in der Musikbranche ja recht selten finde. „Der totale Kontrast zu Dieter Bohlen“, sagt ein ehemaliger Geschäftsführer.

Seit er 1999 an die Börse gegangen ist, habe er keinen Urlaub mehr gemacht, beteuert Jack White, nachdem er den wohlwollenden Schlussapplaus seiner Aktionäre und Fans empfangen hat. In der Woche arbeite er als Vorstandsvorsitzender der AG, als hart kalkulierender Kaufmann, am Wochenende komponiere und schreibe er neue Lieder. „Es gibt keine größere Magic als Lieder zu schreiben“, sagt er und lächelt verträumt. Jack White hat eben ein Händchen für alles, was Unterhaltung verspricht und Geld einbringt. „Wir kümmern uns um den Mainstream.“

Und in dieses Label passt fast alles rein, neben Hansi Hinterseer seit kurzem auch der Schockrocker Marilyn Manson.

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