Berlin : Mit Vollgas nach Radiator Springs

In dem Disney-Film „Cars“ sind Autos die einzigen Helden. Das ist märchenhaft, doch die Wirklichkeit von Blech, Chrom, Rost und Motoröl liegt nicht fern

Andreas Conrad

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Luigi hat einen Traum. Einen irrwitzigen Traum, denn in sein Reifengeschäft „Casa della Tires“ im Wüstenkaff Radiator Springs hat sich schon lange kein Kunde mehr verirrt. Durch die neue Interstate 40 ist die ehrwürdige Route 66 ins Abseits gerückt, eine berühmte Straße, gewiss, nur Autos fahren dort kaum mehr. Aber träumen darf ein kanariengelber Fiat 500 jederzeit, sogar von dem Ferrari, dem er, der einzige Pneuhändler weit und breit, zu gerne einmal einen neuen Satz Reifen verpassen würde. Und siehe da, eines Tages rollt tatsächlich einer in Luigis Garage, in leuchtendem Rot, mit dem Ferrari-Ross auf gelbem Grund, hinter sich zwei Maseratis, und – jaa, er ist’s – spricht tatsächlich mit der Stimme von Michael Schumacher die lang ersehnten Worte: „Hi, Lightning McQueen sagte mir, dass dies der beste Ort auf der Welt sei, um Reifen zu kaufen. Wie wär’s mit je drei, vier Sätzen für mich und meine Freunde?“ Das ist zu viel, selbst für den größten Ferrari-Fan. Luigi kippt um, als hätte er den Elchtest nicht bestanden.

Für traditionelle Roadmovies sind Autos unabdingbar, zur Not darf es auch mal ein Motorrad sein. Viele Filme, selbst wenn sie nur teilweise auf der Straße spielen, wurden nicht zuletzt durch Autos legendär, Klassiker wie „Bullitt“ und der Ford Mustang, mit dem Steve McQueen durch die Straßen von San Francisco flog, „Goldfinger“ und James Bonds vielseitiger Aston Martin DB 5, der zuletzt atomisierte Dodge Challenger in „Fluchtpunkt San Francisco“ oder die Rennpappe in „Go Trabi Go“. So ist es genau genommen nur konsequent, wenn Disney in „Cars“, seinem neuesten, wie „Findet Nemo“ und „Die Unglaublichen“ aus den Pixar-Studios stammenden Familienvergnügen, auf Menschen komplett verzichtet und ganz und gar auf Automobilismus setzt. Der Fahrer, der sich mit seinem Fahrzeug vollkommen identifiziert und in ihm restlos aufgeht, dieser Traum eines jeden Marketingstrategen der Autoindustrie – hier ist er Wirklichkeit geworden.

Doch „Cars“ ist nicht nur Roadmovie, sondern zugleich ein Rennfahrerfilm, gehört damit zu der zweiten großen Untergruppe des Genres Auto-Kino. Im Mittelpunkt steht der junge Hitzkopf Lightning McQueen, in der Markenzugehörigkeit nicht klar einzuordnen, mehr der Idealtypus eines modernen Serienrennwagens, der sich selbst am treffendsten in einem selbstbewussten Spruch charakterisiert: „Ich bin Speed!“ Allzu gerne würde er den Piston Cup gewinnen, begehrt wegen des Ruhms und der lukrativen Sponsorenverträge, die dem Sieger winken. Zu dumm, dass er sich auf dem Weg ins ferne Kalifornien, zum letzten entscheidenden Rennen, in das Kaff Radiator Springs verirrt, eine von der Welt vergessene Gemeinschaft von immerhin liebenswürdigen Verlierern, dem rostigen Abschleppwagen Hook, dem Hippiemobil Bully, dem Armeejeep Sarge oder der alten Dame Lizzie aus der Urzeit des Kraftverkehrs. Immerhin, es gibt auch die Porsche-Lady Sally, die man einen flotten Käfer nennen könnte, wäre dieser Titel nicht schon vergeben, und nicht zuletzt Doc Hudson, die gescheiterte Rennpistenlegende.

Disney-Filme richten sich meist an die ganze Familie, suchen also nach dem größten gemeinsamen Nenner. So bietet „Cars“ für kleine und große Actionfans rasante Verfolgungsjagden. Fürs Herz gibt es die Liebelei zwischen dem flotten Lightning und der wohlgeformten Sally wie auch seine Freundschaft zu Hook, und als Zugabe, damit die Raserei auch pädagogisch wertvoll werde, die Moral, dass ein Leben auf der Überholspur nicht alles ist.

Zugleich aber zielt „Cars“ auf die Gemeinde der Motorfreunde, die Kenner der internationalen Rennszene wie des Automobilmarktes und nicht zuletzt die Oldtimer-Enthusiasten. Denn so märchenhaft es darin auch zugehen mag, die Wirklichkeit aus Blech, Chrom, Rost und Motoröl ist nie fern. Viele der vierrädrigen Hauptfiguren sind als Autotyp leicht identifizierbar, Sally als neuer Porsche 911, Doc Hudson als Hudson Hornet von 1951, Luigi als Fiat 500, Bully als VW-Bus der Woodstock-Ära, Sarge als Jeep aus dem Zweiten Weltkrieg, Lizzie als Ford Modell T von 1923 und der Sheriff als Mercury Police Cruiser von 1949. Auch ist es nicht überraschend, dass der Schumacher-Ferrari, ein brandneuer F 430, zum Fiat-Reifenhändler zwei MaseratiFreunde mitbringt. Die Marke mit dem Pferd und die mit dem Dreizack gehören beide dem Turiner Konzern.

Michael Schumacher ist nicht der einzige Rennfahrer, der in „Cars“ einen Kurzauftritt als Sprecher hat. Der Formel-1-Pilot ist in der deutschen wie auch der US-Version dabei. Niki Lauda als gealterter Piston-Cup-Champion The King trat nur in der Synchronfassung vors Mikro, im Original sprach die Rolle Nascar-Veteran Richard Petty. Auch Mika Häkkinen durfte nur hierzulande einem gleichnamigen Auto die Stimme leihen, ursprünglich hatte den Mini-Part Mario Andretti inne. Der Amerikaner, 1978 Formel-1-Weltmeister, ist in seiner Heimat eine Legende, weit bekannter als der Finne.

„Cars“ mag die Vermenschlichung des Automobils auf die Spitze treiben, filmhistorisch neu ist das nicht. Regisseur John Lasseter nennt als wichtigste Inspirationsquelle den Disney-Kurztrickfilm „Susie the Little Blue Coupe“ von 1952, schon dort wurden die Augen der Autos nicht in die Scheinwerfer, sondern in die Windschutzscheibe verlegt. Ebenfalls aus dem Hause Disney stammt Herbie, der weiße VW 1200 mit dem eigenwilligen Charakter, der 1968 unter der Startnummer 53 seinen Siegeslauf durch Kino und Fernsehen begann und zuletzt im Vorjahr wieder auf den Leinwänden auftauchte. Auch dabei war er, anders als die „Cars“-Helden, der menschlichen Sprache noch immer nicht mächtig, doch seiner neuen Besitzerin ein herzensguter Freund, zudem nicht unempfindlich gegenüber den Reizen eines offenbar weiblichen New Beetle. Das böse Gegenstück zu dem „tollen Käfer“ war der rote 1958er Plymouth Fury in John Carpenters Film „Christine“ (1983), ein männermordendes, sich selbst reparierendes Horrorauto von libidinöser Ausstrahlung, dem nur mit der Schrottpresse beizukommen war. Auch K.I.T.T., der sprechende Wunderwagen aus der TV-Serie „Knight Rider“ mit David Hasselhoff, ist als Vorläufer von Lightning McQueen und seinen Kumpanen zu nennen, schließlich zahlreiche Filme fürs Publikum im Vorschulalter wie „Bob der Baumeister“ mit seinem Sortiment vermenschlichter Baufahrzeuge, die Baggi, Buddel, Mixi oder auch Rollo heißen. Und bei den „Teletubbies“ erfahren sogar die jüngsten Zuschauer, dass auch in einem emsig umherfahrenden Haushaltsgerät ein netter Kerl stecken kann. Der augenrollende Staubsauger No-No als entfernter Verwandter der „Cars“-Familie? Das dürfte Lightning McQueen kaum begeistern.

Der Disney-Film „Cars“ kommt am 7. September in die deutschen Kinos.

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