Berlin : Mit Würde

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über die

historische Wahrheit, die im Weine liegt

Alles fließt, daher kann man nie zweimal in denselben Fluss steigen. Das wussten schon die alten Griechen, ihre Philosophen bedurften für diese Erkenntnis wohl nicht mal einer Amphore Retsina. Unsereinem aber ist beim Nachdenken über die Welt mit solch geistigen Getränken ungemein geholfen, insbesondere beim Sinnieren über die Vergänglichkeit allen Seins. Gerade noch – was sind schon knapp anderthalb Jahrzehnte gegen die Ewigkeit? – war das Rathaus Schöneberg ein geistiges Zentren der westlichen Demokratie, von dem wegweisende Worte über Freiheit und ähnliche Werte ausgingen. Und nun versammeln sich dort zum zweiten Mal die Jünger des Bacchus, um über Öchsle- und Fruchtsäure-Grade zu debattieren und selbige mit Kennermiene zu testen. Unter dem Mantel der Geschichte hat eben weitaus mehr Platz, als man sich zu der Zeit, als die Geschichte noch Gegenwart war, je hätte träumen lassen. Eine Party zur Premiere eines Films über JFK, dort, wo dieser seine historischen Worte sprach? Längst Geschichte. Eine weitere zum Start des „Talentierten Mr. Ripley“? Fast vergessen. Vor Jahrzehnten hätte solch weinselige Heiterkeit wohl als unvereinbar mit der Würde des Hauses gegolten. Dass dies nicht mehr so ist, sollte einem schon einen guten Schluck wert sein.

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