Berlin : Mit zwölf Jahren die Nächte in der Disko durchmachen Was das neue Jugendschutzgesetz

Berlinern erlaubt – und verbietet

Annette Kögel

Die junge Kundin guckt ungläubig. Da will die Zwölfjährige die Musik-CD der Sängerin Shakira kaufen, doch die Frau an der Kasse gibt die Scheibe nicht heraus. Die CD enthält nämlich auch ein Video – und ist deshalb indiziert: „Freigegeben erst ab 18“. Die Einschränkung ist eine Folge des neuen Bundesjugendschutzgesetzes, das auch in Berlin am 1. April in Kraft trat. Es enthält strengere Vorschriften für den Verkauf von Musik und Computerspielen sowie von Zigaretten. Anderseits werden aber auch mehr Freiheiten etwa beim Besuch von Diskos eingeräumt.

Jetzt nehmen Bundesprüfer also sämtliche elektronische Medien unter die Lupe: Sind Videos jugendgefährdend? Enthalten Computerspiele Gewaltdarstellungen? Eine freiwillige Branchenkontrolle habe es bereits gegeben, aber jetzt sei der Jugend-Check rechtsverbindlich, sagt Christine Mühlbach, Sprecherin von Jugendministerin Renate Schmidt (SPD). Auch auf den Computerspielen bei „Saturn“ am Alex prangt nun ein Aufkleber. Die virtuelle Kampfwelt von „Unreal II“ etwa ist „geeignet ab 16 Jahren“. „Wir müssen uns jetzt die Ausweise zeigen lassen“, sagt die Kassiererin. Alexander Kempe, Verkaufsleiter bei „Media Markt“ in Spandau, hält es aber für übertrieben, dass selbst Musikvideo-DVDs von Teeniebands wie den „Backstreet Boys“ erst an Volljährige verkauft werden dürfen. Doch die Kundschaft weiß sich zu helfen. „Man kann ja einen älteren Freund bitten“, sagt Philipp, 13, aus Köpenick. Kontrollen sind daher in der Praxis kaum möglich, wissen Jugendexperten. Verschärft wurden die Regeln übrigens nach dem Amoklauf des computerspielbegeisterten Schülers Robert Steinhäuser in Erfurt.

Zudem sollen auch Berliner Jugendliche künftig besser vor Gefahren durchs Rauchen geschützt werden. „Da gab es bisher eine Gesetzeslücke“, sagt die Berliner Jugendschutzreferentin Ilse Kokula. So war es unter 16-Jährigen zwar verboten, öffentlich Alkohol und Zigaretten zu konsumieren. „Doch es existierte kein Gesetz, das Händlern den Tabakverkauf an unter 16-Jährige verbot.“ Petra Starke vom Zeitungsladen an der Kreuzberger Prinzenstraße hat aber auch schon vorher „Kindern natürlich keine Zigaretten verkauft“.

Jugendschutz? Die wenigsten Berliner wissen da Bescheid, so die Erfahrung von Stefan Wegener. Der Leiter des Kommissariats für Jugendschutz beim Landeskriminalamt sagt, Rauchen von Kindern in der Öffentlichkeit sei ein Delikt wie bei Rot über die Ampel gehen: „Letztlich wird so etwas nicht verfolgt.“ Mehr zu tun gibt es bei Kontrollen in Clubs. Bislang durfte man erst ab 16 und bis 18 nicht länger als 24 Uhr tanzen. Wenn unter 16-Jährige von einer „erziehungsbeauftragten Person“ begleitet werden, dürfen sie nun in der Party-Hauptstadt die ganze Nacht durchmachen.

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