Berlin : Mitgefühl, aber kein Allheilmittel

Klaus Wowereit besucht das Kinderzentrum „Arche“ – und verspricht Hilfe

Susanne Vieth-Entus

Im Hellersdorfer Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ bekommt jeder ein warmes Mittagessen – auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Der war gestern zu Gast in Berlins bekanntester Suppenküche, um sich das Konzept des christlichen Freizeit- und Beratungszentrums anzusehen. Er ließ sich von den Betreuern erläutern, welche Folgen es für Kinder hat, wenn zur Geldknappheit auch noch die emotionale Verarmung kommt. Zufällig fiel der Besuchstermin in eine Woche, in der täglich neue Fälle von Verwahrlosung bekannt werden.

Die Kinder, die sich begeistert auf Wowereit stürzten, und sich – je nach Alter – entweder von ihm in die Luft werfen ließen oder ein Autogramm verlangten, kommen aus den unterschiedlichsten Gründen zu Pastor Bernd Siggelkow, der als allgegenwärtiger Ansprechpartner seit zehn Jahren die Arche führt. Manche finden es einfach nur schön hier, treffen ihre Freunde; andere treibt Not und Verlasssenheit. „Die meisten Eltern nehmen ihre Kinder nicht mal in den Arm, wenn sie mittags aus der Schule kommen“, erzählt die 18-jährige Stephi, die ein Erzieherpraktikum in der Arche absolviert. Sie kochen nicht für die Kinder und reden nicht mit ihnen. „Manche zucken auch zusammen, wenn ich mich unerwartet bewege, weil sie instinktiv auf Schläge gefasst sind“, ergänzt Stephis Kollegin Julia. Sie berichtet von ganz kleinen Kindern, die bis 18 Uhr in der Arche abgeliefert werden, weil die Mütter sich überfordert fühlen. Längst hat Pastor Siggelkow nicht nur ein Nachhilfe-, sondern auch ein Spielzimmer eingerichtet.

Der Regierende Bürgermeister sieht sich all das an, staunt über das ehrenamtliche Engagement, sichert zu, dass er sich für den „Runden Tisch zur Kinderarmut“ engagieren wird, den Siggelkow und sein Mitstreiter Kai Uwe Lindloff ab Februar im Grand Hyatt installieren wollen. Aber er gibt auch zu, dass er noch nicht weiß, was der beste Weg ist, um Verwahrlosungstendenzen wirksam zu begegnen. Ob es besser ist, obligatorische Arzttermine für Kleinkinder durchzusetzen, die Einschulungsuntersuchungen vorzuziehen oder die Jugendämter zu stärken.

Während Wowereit durch die Räume geht, erzählt eine Hellersdorfer Pflegemutter am Arche-Mittagstisch, wie es ihr im Laufe eines Jahres gelang, das Vertrauen eines völlig verwahrlosten, verängstigten zweijährigen Kindes zu gewinnen, wie das Jugendamt ihr das Kind wieder wegnahm, es der Mutter gab, ein Desaster erlebte, das Kind in ein Heim schickte und schließlich ihr zurückgab. Auch dieses Kind lebte in einer völlig verdreckten Wohnung, bevor das Jugendamt dahinterkam. Dann muss die Pflegemutter das Gespräch abbrechen: Sie will ein Kind zum Zahnarzt bringen. Der Fünfjährige weint seit Monaten vor Zahnschmerzen. Aber die Mutter kümmerte sich nicht.

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