Berlin : Mit Glühwein und Trompeten

Seit über 50 Jahren lädt Kantor Helmuth Pein am Weihnachtsabend zum Turmblasen. Auch heute wird es voll

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Einer von tausend. Früher kletterte Helmuth Pein selbst auf den Turm seiner Gemeinde in der Eichenallee. Wegen Rückenproblemen bleibt er inzwischen lieber unten stehen. Ab 22 Uhr geht es los, im Anschluss startet die Christmette. Foto: Paul Zinken
Einer von tausend. Früher kletterte Helmuth Pein selbst auf den Turm seiner Gemeinde in der Eichenallee. Wegen Rückenproblemen...Foto: Paul Zinken

Zu Heiligabend wird ein Kirchturm zum Mittelpunkt eines ganzen Stadtteils. Wenn die Turmbläser um 22 Uhr auf den Turm der evangelischen Kirchengemeinde Neu-Westend steigen, pilgern über tausend Menschen in die Eichenallee 47. Für den Klassiker am Weihnachtsabend sperrt die Polizei sogar die Straße. Schuld an dem besinnlichen Aufruhr ist Helmuth Pein. Der Kantor der Gemeinde startete die Tradition vor 51 Jahren und organisiert sie bis heute.

„Weihnachten feiere ich mit dieser Arbeit“, sagt Pein, dessen tiefer Stimme man die 80 Lebensjahre ihres Besitzers nicht anhört. Erst sitzt er bei der Christvesper um 17 Uhr an der Orgel, vier Stunden später schließt er den Turm zur Probe auf. Dazwischen huscht er heim zu seiner Frau, er wohnt nur 650 Meter von seiner Orgelbank entfernt. 1953 fing der gebürtige Charlottenburger und studierte Kirchenmusiker als Aushilfsorganist an. Als 1960 eine neue Kirche gebaut wurde, war er es, der eine Plattform für Bläser am Turm durchsetzte. Dass der mit seinen vier metallenen Dreiecken auch noch aussieht wie ein 18 Meter hoher Christbaum, ist Zufall.

Bis vor zwei Jahren stieg Helmuth Pein hinauf und dirigierte. Wegen Rückenproblemen steht er seither mit einem Glühwein unterm Turm. Dort, in der schummrigen Seitenstraße, wo lange Zeit nur Lauben standen und sich heute Villen aus der Gründerzeit und Mietshäuser aneinander reihen. An Weihnachten treffen sich hier in die Welt ausgezogene Westender, die von überall her zurück in den elterlichen Kiez kommen. Alteingesessene Anwohner und extra Angereiste lauschen den Weihnachtsliedern. Dick eingemummelt und mit Glühwein aus der Thermoskanne trotzen sie der Kälte, vertreten sich nochmal die Füße nach dem Festmahl und der Bescherung. Danach geht es in die Christmette. Die beginnt um 23 Uhr.

Mit dem Turmblasen wollte Pein an alte Bräuche anknüpfen. Das „Abblasen von Stükken und Liedern von Thürmen zu Gottes Ehr und Wohlgefallen“ ist seit der Renaissance eine Tradition in vielen Städten. Denn als von den Türmen nicht mehr gemeldet werden musste, dass Feinde anrückten oder irgendwo ein Feuer ausgebrochen sei, spielten Musiker zur Ergötzung der Leute, erzählt Pein. Die Westender Musiker lassen an der Außenmauer einen Korb herunter, indem sich Getränke, Pfefferkuchen und Spenden sammeln, manche legen Schnaps rein. Die Berliner müssen derweil hoffen, dass es am Freitagabend nicht kälter als minus fünf Grad wird. Dann müssten die Bläser in die Kirche ausweichen, weil die Ventile und Züge der Instrumente festfrieren, sagt Pein. Passiert sei das erst ein Mal.

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