Mitte : Beratungsstelle für Risikokinder vor dem Aus

Nirgends gibt es mehr Erstklässler aus armen Familien. Trotzdem will Mitte Therapeuten entlassen – es fehlen 25 Millionen Euro.

Susanne Vieth-Entus

Verfaulte Milchzähne, hoher Fernsehkonsum, Übergewicht, Sprachprobleme, arme Eltern – bei allen sozialen Risikoindikatoren der jährlichen Erstklässleruntersuchungen liegt der Bezirk Mitte vorn. Dennoch steht die speziell eingerichtete Beratungsstelle für Risikokinder zur Disposition, weil der verschuldete Bezirk 2010 rund 25 Millionen Euro einsparen muss. Während das Bezirksamt noch beschwichtigt, eine Entscheidung falle erst am 30. Juni, wurde die Beratungsstelle bereits aufgefordert, die Entlassung der Therapeuten vorzubereiten. „Die werfen uns zum Fraß vor“, steht für den Leiter der Beratungsstelle, Thomas Abel, fest.

Abels Team berät jährlich 500 bis 600 Familien. In Zusammenarbeit mit den Quartiersmanagern vom Rostocker Kiez und der Pankstraße sowie der Volkshochschule und dem SOS Kinderdorf in Moabit wurden Angebote entwickelt, mit denen man vor allem überforderten türkischen und arabischen Müttern und ihren Kindern helfen will. Diese Frauen, die kaum aus ihren Familien herauskommen und nicht erfahren, welche Hilfen es für sie gibt, werden in das Gesundheitsamt begleitet, wo eine türkische Krankenschwester und Physiotherapeuten auf die speziellen Probleme dieser Frauen und ihrer Kinder eingehen können.

Vor allem die Frauen, die mit wenig Schulbildung und ohne Deutschkenntnisse aus türkischen Dörfern nach Berlin kommen, brauchen Beratung. Ihre Tradition verlangt, dass sie nach der Geburt etwa ein halbes Jahr kaum aus dem Haus gehen. Dies aber hindert sie daran, beispielsweise an Rückbildungsgymnastik teilzunehmen und in Mütterkursen zu erfahren, was sie für ihr Kind tun können, indem sie seine sprachliche und motorische Entwicklung fördern und auf die richtige Ernährung achten. Auch Empfängnisverhütung ist ein Thema der Kurse. Damit all diese Angebote ineinandergreifen und die Frauen wirklich erreichen, wurde im Laufe der letzten fünf Jahre ein Netzwerk geschaffen, das in Berlin einzigartig ist.

Nun ist dieses Netzwerk in Gefahr, befürchtet Thomas Abel, der als Kinderarzt im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte den Öffentlichen Gesundheitsdienst vertritt. Er habe vom Gesundheitsamt Mitte die Vorgabe bekommen, zehn der 15 Therapeutenstellen sowie eine Arztstelle zu streichen. Stadtrat für Gesundheit ist der Bürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD).

Das Angebot der Beratungsstelle gehöre nicht zu den gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben, begründet der Leiter des Gesundheitsamtes, Stefan Busse, die Vorgabe an Abel. Es gebe kaum Spielraum angesichts der Sparzwänge, weshalb man so entschieden habe.

Der  Finanzsstadtrat von Mitte, Rainer-Maria Fritsch (Linke), beziffert das Defizit im Haushalt 2010 auf rund 25 Millionen Euro – trotz des Nachschlags, den die Bezirke vom Senat erhalten haben. Allerdings seien noch keine endgültigen Beschlüsse darüber gefallen, wo gekürzt werde. Erst am 30. Juni wolle sich das Bezirksamt auf die Eckwerte verständigen, sagte Fritsch auf Nachfrage.

Abel will die verbleibende Zeit nutzen, um auf die Bedeutung der Beratungsstelle hinzuweisen. Die Fakten sprechen für ihn. Kein anderer Bezirk hat so viele Migranten zu integrieren wie Mitte: Nur noch ein Drittel der Erstklässler ist deutscher Herkunft, in Regionen wie Gesundbrunnen nur noch ein Viertel. Jeder zehnte Erstklässler in Mitte hat abgefaulte oder wegen Karies gezogene Milchzähne – mehr als in jedem anderen Bezirk und doppelt so viele wie in Pankow. Beim Übergewicht gilt Ähnliches: Fast jedes zehnte Kind in Mitte ist zu dick, in Pankow nur jedes zwanzigste. In keinem anderen Bezirk der Stadt sehen mehr Kinder über drei Stunden am Tag fern. Aufgrund der schwierigen sozialen Lage in Mitte haben hier auch die Kinder deutscher Herkunft die größten Probleme, sich sprachlich zu artikulieren.

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