Berlin : Mitte: Bitte keine Panzerfaust!

Thomas Loy

Zur Zeit gilt der Kalaschnikow-Standard. Wenn Sie also vermuten, dass Ihr bester Feind im Eskalationsfall zu dieser Waffe greifen würde, können Sie den silbernen Landrover mieten. Oder die Caravelle von VW. Die hervorragend erhaltene Mercedes-Limousine, Baujahr 1964, zulässiges Gesamtgewicht 3 Tonnen, käme leider nicht in Frage. Da ballert die Kalaschnikow, die "häufigste Waffe der Gegenseite", glatt durch. Die Firma Euracom VIP-protection aus Marzahn hat im Mossepalais am Leipziger Platz (Zugang an der Voßstraße) einen kleinen Autosalon für "gefährdete Personen" eingerichtet. Willkommen sind natürlich auch Menschen ohne Sicherheitseinstufung, die sich einfach mal einen gepanzerten Geländewagen anschauen möchten. Unlängst ließen sich die Vertreter kleinerer Botschaften darüber aufklären, wie sicher sie leben könnten. Die Bundesregierung fahre ihren Aufwand zum Schutz von Diplomaten ja immer weiter zurück, erläuterte Firmenchef Christian Seitz.

So ein gepanzertes Auto muss nicht nur einer Kalaschnikowsalve trotzen, sondern auch zwei Handgranaten, die darunter oder darüber explodieren. So ist es vom Beschussamt vorgeschrieben. An der Heckscheibe ist eine Kamera platziert, damit sich der Fahrzeuglenker bei Verfolgungsfahrten nicht ständig umdrehen muss. Ein durchlöcherter Tank verschließt sich von selbst - eine bei der Luftwaffe bewährte Technik. Und bei zerschossenen Reifen kann man auf Notpolstern weiterrollen. Für besonders gefährdete Personen ließe sich für 60 000 bis 200 000 Mark ein Bombenabwehrgerät nachrüsten. Dabei wird um das Auto eine Art elektrisches Vakuum erzeugt, das Zündmechanismen außer Kraft setzt.

100 Prozent sicher sei kein Auto, räumt Euracom-Berater Jürgen Lorz ein, der früher für das LKA Baden-Württemberg Sicherheitstechnik testete. "Bei der Panzerfaust ist Feierabend." Aber auch einige NATO-Gewehre würden den Kalaschnikow-Standard inzwischen glatt durchlöchern. Ein gepanzertes Auto sollte sich möglichst unauffällig im Straßenverkehr bewegen. Deshalb werden von den Kunden nicht mehr unbedingt die S-Klasse-Schlachtschiffe von Daimler bevorzugt, sondern unverdächtige Marken wie Toyota oder VW. Besonders freut sich Lorz über den Panzer-Golf für Zeugenschutz-Einsätze. Innerhalb von zwei Jahren hätten nur zwei Passanten bemerkt, dass das Auto irgendwie anders aussieht - natürlich langjährige Golf-Fahrer. Eine Sache macht Lorz indes Sorgen. Wird ein gepanzertes Fahrzeug mal in einen banalen Unfall verwickelt, könnte es für die Insassen brenzlig werden. Nicht weil sie schwer verletzt würden, sondern weil sie aus ihrer Sicherheitszelle einfach nicht mehr herauskämen.

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