Mitte : Freie Fahrt für alle

Die frühere Botschaft der USA kein Bollwerk mehr - die Neustädtischen Kirchstraße ist wieder offen für den Verkehr. Was mit dem Gebäude passiert ist noch ungewiss.

Lothar Heinke
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Die Neustädtische Kirchstraße in Mitte ist wieder frei befahrbar. -Foto: Heinrich

BerlinRund um die alte amerikanische Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße in Mitte ist plötzlich alles so, wie es vor vielen Jahren schon einmal war: keine patrouillierenden Polizisten, weder Zäune noch Stein- oder Stahlpoller, keine Sicherheitskontrollen an abgeschotteten Eingängen. Und ein vollkommen neues Fahrgefühl. Die Neustädtische Kirchstraße wurde jetzt zur Hauptstraße gemacht, das heißt: Mit dem Auto fährt man auf drei Spuren von der Straße Unter den Linden geradeaus bis zum Schlegelplatz vor dem S-Bahnhof Friedrichstraße (und umgekehrt) und überquert dabei die Dorotheenstraße, die nun ebenfalls wieder durchgängig zwischen Wilhelm- und Friedrichstraße befahrbar ist.

"Ein Stück Stadt ist wiedergewonnen und zurückgekehrt", freut sich der Geschäftsführer im Café Einstein, Dieter Wollstein. "Dies wird hier bald eine sehr schöne Ecke innerhalb der Mitte der Stadt." Das ehemalige Botschaftsgebäude zeigt nun seinen ganzen Schmuck als früheres Handwerker-Vereinshaus, die Wappen, Gewerkezeichen und die Figuren an den schmiedeeisernen Türen. Eines Tages wird es frisch gestrichen sein, wenn der Bund weiß, was er damit anfangen will. Das dreistöckige Haus gegenüber, an der Ecke Mittelstraße, sollte wieder, wie einst, durch Geschäfte belebt werden, vielleicht verwandelt man den Parkplatz gegenüber in eine Grünanlage. Die Einstein-Gäste können nun unmittelbar neben dem Café parken - kostenpflichtig. Im Aufstellen von Parkscheinautomaten sind sie in Mitte schnell. Für 15 Minuten werden 50 Cent fällig, montags bis sonnabends von 9 bis 22 Uhr. Sonntags nie. Beruhigender Hinweis: "Vorverkauf ist möglich".

An der goldeloxierten Eingangstür zur Ex-Botschaft kann man jetzt ungestraft rütteln und an den verstaubten Scheiben die Nase platt drücken, da ist nichts zu sehen. Die Kameras sind ebenso demontiert wie das Klingelbrett, nur eine Stange steht noch aufrecht und schräg über dem Eingang. Welche Fahne wird hier wann einmal flattern? Im Flur des Hauses stehen Dutzende Feuerlöscher von der US Army; sie sind beim Umzug nicht mitgenommen worden. Aber dafür sehr patriotisch, dieser Rest: Ein deutsches und ein amerikanisches Papierfähnchen zieren das Stillleben. Ja, hier war mal was.

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