Mitte ist zu hell : Licht aus! Spott an!

Licht ist der neue Müll - in Mitte ärgert man sich daher längst nicht mehr nur über Krawalltourismus und hohe Mieten! Sondern auch über die abendliche Festbeleuchtung des Öko-Klamottenladens gegenüber.

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Abschalten! Wenn das, was eh schon leuchtet, zusätzlich noch als Werbefläche leuchtet, raubt es Anwohnern endgültig den Schlaf.
Abschalten! Wenn das, was eh schon leuchtet, zusätzlich noch als Werbefläche leuchtet, raubt es Anwohnern endgültig den Schlaf.Foto: dpa

Laternenumzug in Berlin-Mitte. Aus hundert Kinderkehlen schallt: „Ich geh mit meiner Lateeerne, und meine Laterne mit mir!! Dort oben leuchten die Steeeeerne, und unten leuchten wir!!“

Schön wär’s. Von oben strahlt nicht ein Himmelskörper, sondern die Store-Beleuchtung der, laut Eigenaussage, „nachhaltigen“ Bekleidungskette „Filippa K.“ und das Lichtkonzept von „Porsche Design“ („We aim to minimize resource consumption and keep environmental impact as low as possible“). Dazu blenden die vier Buchstaben des klimabewussten Skaterschuhlabels „VANS“.

Von den selbst gebastelten Laternen der Kita-Kinder bleibt nur ein matter Glimmer.

Es ist November, kurz vor 18 Uhr. Wohnte in dieser Gegend ein Sankt Martin, er würde einen Teil seines Mantels dem Bettler geben – und die andere Hälfte als Verdunklungsvorhang vors Fenster hängen.

Denn Sankt Martin ist fix und fertig. Er kriegt kein Auge mehr zu. Sein Biorhythmus ist maximal durcheinander. Das Hormon Melatonin, welches seinen Schlaf-Wach-Wechsel steuert, wird von der Leuchtreklame und der Flagshipstore-Konsumhölle komplett fehlgeleitet. Seine Espressomaschine wirft spätabends einen klar umrissenen Schatten. St. Martin soll auch zur Schlafenszeit die öden grauen Pullis im Midseason Sale bewundern – aber er will doch nur in Frieden träumen.

Der Heilige ist nicht allein. Aus dem Bezirksamt ist zu hören, Licht sei der neue Müll. Vor zehn Jahren hätten sich die Einwohner Mittes noch über herumliegenden Abfall beschwert, heute gingen ihnen die gleißend beleuchteten Schaufenster auf den Wecker. Offenbar sind auch Lichtsensoren bei Tiefgaragen (Licht an / Licht aus) und angestrahlte Riesenplakate an Gerüsten ein Problem.

Mitte wird dichter und dichter. Langsam schließen sich die letzten Baulücken, es gibt keine Parkplätze mehr, die Mieten steigen, ja ja, Pommesbuden und Spätis müssen schließen. Und jetzt leuchten sie uns aus – so, als wären immerwährende Dreharbeiten, wäre immerwährende Fashion Week.

Alles bio, aber völlig verstrahlt

Besonders verstörend: Hier im Kiez ist das meiste organic, bio, klimaneutral, tofu, supersustainable, re- und upgecyclet. Doch Nacht für Nacht verschwenden die Geschäfte, deren Beleuchtungskonzepte von verstrahlten Designern in den Konzernzentralen erdacht werden, einen Haufen Energie und führen ihre Kunden damit hinters Licht.

Sicher ist es stimmungsvoll, wenn Ku’damm und Friedrichstraße bald „vorweihnachtlich erstrahlen“. Aber diese Magistralen sind auch breiter als Münzstraße, Schendelgasse, Stein- und Neue Schönhauser Straße. Das hier ist – trotz Hostelisierung und Shoppingirrsinn – auch eine Wohngegend. Hier leben nicht nur Zombie-Schaufensterpuppen, hier organisieren auch echte Menschen, Familien gar, ihren Melatonin- und sonstigen Haushalt.

Es sind übrigens durchaus angenehme Leute, die es mögen, zentral zu wohnen, mit einem gewissen Lärmpegel gut leben können und Ortsfremden bis zu fünf Mal am Tag unentgeltlich den Weg weisen. Es sind Menschen, die nicht immer gleich mit dem Landesimmissionsschutzgesetz wedeln wollen und auf gute Nachbarschaft und Menschenverstand hoffen. Doch diese Nachbarn werden langsam sauer, weil jedes Gesuch ins Leere läuft („Wir müssen unsere Ware präsentieren.“, „Warum wohnen Sie überhaupt hier?“, „Uns blendet es nicht.“).

Deshalb, liebe Chain-Developer, Shop-Assistants, Brandmanager und Interior-Lightshow-Jockeys, beherzigt bitte den Klassiker von Peter Lustig: Schaltet endlich ab! Lasst es wieder etwas dunkler werden. Auch Raben, Stadtratten und nicht zuletzt Babys werden es euch danken.

Ein Vorschlag: Präsentiert euch so geheimnisvoll, dass nur Eingeweihte wissen, an welcher dunklen Tür sie klopfen müssen. Verknappt euer Angebot. Spielt „hard to get“. Aber so fortschrittlich seid ihr hier halt noch nicht – oder werdet es nie sein.

Es sei denn, Sankt Martin zwingt euch dazu, indem er doch noch mit dem Landesimmissionsschutzgesetz um die Ecke kommt. Und dann aber rabimmel, rabammel ra…!

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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